Zerbst l Im Ankuhn begann 1899 die Geschichte der heutigen Transporte Grelle GmbH. Mit seinem Pferdewagen fuhr Paul Grelle damals das von den Bauern angebaute Obst und Gemüse zum Zerbster Bahnhof. Auch nach Roßlau und sogar bis nach Magdeburg brachte er die geernteten Früchte. Später war er im Auftrag der Baufirma Lange unterwegs, um Kies und Schutt zu befördern. Selbst Asche landete auf seinem Wagen.

„Am 1. Oktober 1955 übernahm dann Otto Grelle das Geschäft“, erzählt seine Enkelin Désirée. „Er ist für fast alle gefahren“, schildert sie. Beispielsweise für den Schlachthof – schließlich mussten die anfallenden Knochen entsorgt werden. Gebrauchte Mullbinden und Gipsverbände fielen unterdessen im Krankenhaus an und Schlacke bei der Fernwärmeversorgung – Otto Grelle sammelte alles mit seinen zwei PS ein.

Ehrung mit Goldener Butterjungfer

Seine kräftigen Pferde spannte er ebenfalls vor den Wagen, um Kies für die Stadt zu transportieren – über 60 Fuhren Streusand kamen da im Herbst zusammen, die er in den Parks und den Randgebieten verteilte. „Er war aktiv am Wiederaufbau der Stadt Zerbst beteiligt, wofür er 1968 die Goldene Butterjungfer erhielt“, berichtet Sohn Siegfried, der seinen Vater oft begleitete.

Jener unterzeichnete 1975 schließlich seinen ersten Festvertrag. Fortan war Otto Grelle regelmäßig im Auftrag der Zerbster Heizkesselwerke unterwegs. Zur gleichen Zeit begann er, Kremser- und Kutschfahrten anzubieten. „Die Nachfrage beim damaligen Party-Volk war groß“, erinnert sich Siegfried Grelle. Schmunzelnd schildert er, wie er und sein Bruder Witze auswendig lernen mussten. Die chauffierten Gäste sollte schließlich bestens unterhalten sein, dafür war Otto Grelle bekannt. Selbst im Winter lud er zu Ausflügen ein, erzählt sein Sohn von dem russischen Schlitten für sechs Personen, den sie besaßen.

Pferde gegen Autos eingetauscht

„Damals ist er auch die nachgebaute Zerbster Pferdebahn gefahren“, schaut er zurück. „Eine Fehlkonstruktion“, bemerkt er, dass das Gefährt viel zu schwer gewesen sein. „Drei Pferde brauchte es zum Ziehen“, erläutert Siegfried Grelle. Er selbst setzte sich 1986 auf den Kutschbock und stieg ins Familienunternehmen ein, das er nach der politischen Wende 1990 weiterführen sollte. Die Pferde tauschte Siegfried Grelle nun allerdings gegen Autos ein.

Zusammen mit einem Arbeitskollegen, der den Traum von der Gründung einer Taxifirma verfolgte, fuhr er nach Wolfsburg. „Ich wollte mir einen kleinen Transporter kaufen“, sagt Siegfried Grelle. Doch er entschied sich dagegen – zu teuer. In Cloppenburg erwarb er dann für 15 000 D-Mark einen aufgearbeiteten, blau lackierten kleinen Lkw, den die Bundeswehr ausrangiert hatte. Möbeltransporte für Zerbster, die nach Bayern und in andere westdeutsche Bundesländer umzogen, gehörten zu seinen ersten Aufträgen. Daneben fuhr er für verschiedene Betriebe.

Auch Volksstimme gehört zu Partnern

„Dann ging alles sehr, sehr schnell“, erinnert sich Siegfried Grelle. „Fast explodiert“ sei die Auftragslage. Zu den gleich am Anfang gewonnenen Partnern gehörte die Volksstimme. Noch immer bringt das Transportunternehmen jede Nacht die frisch gedruckten Zeitungen von Barleben nach Zerbst. Auch für die Lebenshilfe Roßlau ist die Firma Grelle bis heute tätig und übernimmt die Beförderung der dort betreuten, behinderten Menschen.

In Folge der enormen Nachfrage nach seinen Dienstleistungen investierte Siegfried Grelle in die Erweiterung seines Fuhrparks. Er schaffte vier Gliederzüge und acht Kleinbusse an. Hinzu kamen drei Kühllaster. „Zu Hochzeiten hatte ich 18 Angestellte“, erzählt er. Nicht nur in Deutschland waren seine Fahrer unterwegs, die Touren führten sie ebenfalls nach Norwegen, Frankreich, Luxemburg oder Österreich. „Es war interessant und hat Spaß gemacht“, denkt er an jene unternehmerisch tolle Zeit zurück.

Mit Euro viel zusammengebrochen

2002 mit der Einführung des Euro sei „viel zusammengebrochen“, sagt Siegfried Grelle. Mit dem EU-Beitritt von Polen und weiterer osteuropäischer Länder, die plötzlich auf den Markt drängten, verschärfte sich die Lage im „harten Transportgeschäft“, um das sich seit 2005 seine Tochter Désirée kümmert. Mit gerade mal 24 Jahren trat sie seine Nachfolge an. „Ich wollte alles kleiner halten und für mich überschaubar“, sagt sie. Um sich abzusichern, wandelte sie die Firma in eine GmbH um.

„2009 in der Elternzeit war mir dann etwas langweilig und ich hab’ die Konzession für den Mietwagenverkehr erworben“, erzählt Désirée Grelle. Die Beförderung von Personen war nun möglich und damit Krankentransporte, Kurfahrten und Flughafentransfers. Wer bei Hochzeiten oder Familienfeiern jemanden benötigt, der die Gäste fährt, kann sich ebenfalls an Désirée Grelle wenden.

Fünf Busse und ein Laster kommen dazu

„2015 war mir nochmal langweilig“, berichtet sie lächelnd vom Erwerb der Konzessionen für Güterverkehr bis 7,5 Tonnen und Kraftomnibusse. Fünf Busse und ein Laster sowie einen Pkw umfasst nun der Fuhrpark der Transporte Grelle GmbH, bei der aktuell zwei Festangestellte und sechs Pauschalkräfte beschäftigt sind.

Seit 15 Jahren lenkt Désirée Grelle jetzt die Geschicke der traditionsreichen Zerbster Firma. Sie erledigt die Büroarbeit und sitzt auch selbst begeistert hinterm Steuer. „Man lernt viele ganz unterschiedliche Menschen und ihre persönlichen Geschichten kennen“, liebt sie ihren Job und hält gern die Zügel in der Hand – genau so wie vor über 100 Jahren schon Paul Grelle.