Energiewende

Unternehmen und Wissenschaftler besiegeln Forschungsprojekt zu grünem Wasserstoff in Zerbst

Die Errichtung einer Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff nimmt an Fahrt auf. Die Projektpartner haben Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) zwei gemeinsam erarbeitete Forschungsvorhaben übergeben.

Von Thomas Kirchner
Przemyslaw Komarnicki (rechts) übergibt die beiden Forschungsvorhaben im Namen aller Projektpartner an Ministerpräsident Reiner Haseloff (2.v.r.).
Przemyslaw Komarnicki (rechts) übergibt die beiden Forschungsvorhaben im Namen aller Projektpartner an Ministerpräsident Reiner Haseloff (2.v.r.). Foto: Thomas Kirchner

Zerbst - Die Getec Green Energy GmbH plant gemeinsam mit industriellen und wissenschaftlichen Projektpartnern auf dem Gelände des Zerbster Flugplatzes die Produktion von Grünem Wasserstoff (H2) mithilfe von erneuerbaren Energien und Elektrolyse. Zugleich soll die zugehörige Infrastruktur für eine stabile und regionale Nutzung realisiert werden, womit das Innovationsprojekt auch über die Landesgrenze hinaus eine Vorreiterrolle einnimmt.

Am 4. Juni haben die Kooperationspartner des Projektes Sachsen-Anhalts Ministerpräsidenten Reiner Haseloff (CDU) auf dem Zerbster Flugplatz zwei gemeinsam erarbeitete Vorschläge der Forschungsvorhaben überreicht, die zukunftsweisende Beiträge zum gegenwärtigen Strukturwandel leisten sollen. „Das Zerbster Projekt findet inzwischen deutschlandweit und sogar international Beachtung“, betonte Getec Geschäftsführer Chris Döhring.

Es geht um den praktischen Einsatz von Wasserstoff

„Bei den Forschungsvorhaben geht es im Wesentlichen um die Herausforderungen, die Erzeugung, den Transport sowie die Nutzung für Kommunen, Industrie und Transport im ländlichen Raum, vor allem auch praktisch in Einklang zu bringen, also um die technologische und wirtschaftliche Entwicklung der Schlüsseltechnologie Wasserstoff in der Region rund um den Standort Zerbst“, erläuterte Prof. Przemyslaw Komarnicki, Leiter Energiesysteme und Infrastrukturen beim Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF.

Dazu rechnet der Wissenschaftler auch Zuverlässigkeit, Qualität, Sicherheit, Effizienz und die Schaffung einer Handelsplattform, die alle Akteure zusammenbringt. Komarnickis Vision: „Als Forscher darf ich das sagen und stelle mir vor, dass in zehn Jahren jegliche Industrie mit grünem Wasserstoff versorgt wird, der hier vom Zerbster Flugplatz kommt, und der Ministerpräsident darf einen mit Wasserstoff betriebenen Bus steuern. Der Wasserstoff ist natürlich grün und vor Ort erzeugt.“

Bürgermeister Andreas Dittmann (SPD) brachte ein Zitat von Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD), in dem es darum ging, grünen Wasserstoff in die ländliche Region zu bringen. „Mit dem Prädikat können wir gut leben, denn die ländliche Region ist zunehmend ein Standortvor- und kein Nachteil mehr, vor allem wenn man in einer Region zu Hause ist, wo ein funktionierendes Breitbandnetz vorhanden ist, wie in Zerbst.“ Allerdings könne der ländliche Raum nicht weiter der „billige Jakob“ sein.

Zerbst soll als Modellregion profitieren

„Wir müssen erreichen, dass die Wertschöpfung aus diesen Projekten auch hier vor Ort ankommt, denn das Projekt ,grüner Wasserstoff' ist für die Stadt Zerbst ein wichtiges Zukunftsprojekt, auch und gerade für die junge Generation. Ich freue mich, dass die intensive Zeit der Projekterarbeitung nun zumindest für die konzeptionelle Phase abgeschlossen ist“, so Dittmann.

Ein Blick auf die Projektpartner mache deutlich, dass die Erwartungshaltung gegenüber dem Projekt „Grüner Wasserstoff“ sehr hoch sei. „Nun wird es ganz wesentlich darauf ankommen, dass wir nicht nur im Weißbuch des Landes zur Wasserstoffinitiative stehen, sondern auch eine konkrete Förderung durch das Land zum Tragen kommt“, betonte Dittmann mit Blick in Richtung Ministerpräsident.

Nutzer des Zerbster Wasserstoffs werden unter anderem die Deutschen Hydrierwerke (DHW) Rodleben oder die Stadtwerke Dessau sein. So soll zukünftig die Dessau-Wörlitzer Eisenbahn mit Wasserstoff statt mit Diesel angetrieben werden. „Gemeinsam mit dem ‚Trains-Projekt‘ wollen wir aus Diesel- wasserstofffähige Motoren entwickeln und so die Bahn zwischen Dessau und Wörlitz mit Wasserstoff fahren lassen. Das ist unser Anteil an diesem Projekt“, sagte Thomas Zänger, Geschäftsführer der Dessauer Verkehrsgesellschaft bei den Stadtwerken. Auch bei der Busflotte sei in den kommenden Jahren eine Weiterentwicklung auf Wasserstoff angedacht.

Ministerpräsident setzt auf denzentrale Standorte

„Neben den Großprojekten in Sachen Wasserstoff in Sachsen-Anhalt sind kleinere – und vor allem die Projekte im ländlichen Raum – mindestens ebenso wichtig, deshalb bin in Zerbst“, sagte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) im Volksstimme-Gespräch. Sachsen-Anhalt sei ein Wasserstoffland, das sich nicht nur auf Leuna oder Bitterfeld konzentriere. „Wenn wir in besonderem Maße auf Wasserstoff umstellen wollen, brauchen wir vor allem die vielen dezentralen Standorte, denn es ist keineswegs so, dass wir nur großindustriell mit Wasserstoff umgehen müssen, sowohl für die Chemie als auch im Bereich Kraftstoff “, so der Ministerpräsident.

Haseloff: „Wir müssen erstens in allen Bereichen versuchen, den erneuerbaren Strom zu speichern und ohne große Leitungsbaumaßnahmen jeweils vor Ort zu nutzen. Und zweitens muss vor allem die Wertschöpfung, die mit diesen Projekten verbunden ist, im ganzen Land spürbar sein. Deswegen wäre eine Konzentration ausschließlich auf die industriellen Kerne falsch.“

Die Landesregierung sei, was die Begleitung und Förderung dieser Kooperation betrifft, sehr aktiv. Auch Haseloff sprach von einem Vorreiterprojekt und sagte in Anspielung auf die ehemals diskutierte Schweinemastanlage: „Als ich vor elf, zwölf Jahren hier an dieser Stelle gestanden habe, war noch eine ganz andere Nutzung des Geländes im Gespräch. Es kam anders. Es ist auf Zukunft gesetzt und aus heutiger Sicht damals richtig entschieden worden.“

Weiterer Schwerpunkt in Roßlau

Am vergangenen Freitag noch nicht wissend, wie die Landtagswahl ausgehen wird, erklärt Haseloff: „Und von Zerbst aus denken wir weiter. Wir haben ja auch in Roßlau noch einiges vor, so dass wir in der Gesamtkonstellation in Sachsen-Anhalt einen weiteren Wasserstoffschwerpunkt haben werden. Genau das ist mein Ziel, dass wir dies in den nächsten Jahren erreichen.“

Er sei den hier Handelnden sehr dankbar, dass sie in Zerbst eine Idee verwirklicht haben, die ihm persönlich immer schon am Herzen lag und liegt. „Deswegen werde ich, in welcher Konstellation auch immer, gerne wieder vorbeischauen. Ich bin nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal hier. Anhalt wird mich an der Stelle nicht los“, sagte Haseloff lachend.

Jürgen Konratt, Geschäftsführer der Zerbster Stadtwerke  und Christian Herrschel (r.), Geschäftsführer der Technik-Energie-Wasser Servicegesellschaft im BioPharmaPark Dessau unterzeichnen das Papier.
Jürgen Konratt, Geschäftsführer der Zerbster Stadtwerke und Christian Herrschel (r.), Geschäftsführer der Technik-Energie-Wasser Servicegesellschaft im BioPharmaPark Dessau unterzeichnen das Papier.
Foto: Thomas Kirchner