Uhrmachermeister Bernd Richter sorgt seit 40 Jahren für korrekte Angaben auf den historischen Turmuhrblättern

Wie ein Uhrwerk:EinmaldieWoche in den Turm am Dornburger Tor

Von Thomas Drechsel

Zerbst l Bernd Richter hat die Zerbster bereits am Sonnabend in die "normale" Zeit geschickt. Der Uhrmachermeister ist für eine korrekte Zeitangabe am Turm des Dornburger Tores in Zerbst verantwortlich. Hier tickt als einziges in Zerbst noch ein mechanisches Uhrwerk alter Prägung. "Nur an der Rephunschule gibt es meines Wissens noch ein solches Uhrwerk. Aber die Uhr dort steht", überlegt Richter und steigt die Leiter in den Turm hinauf. Es ist 23.10 Uhr am Sonnabendabend, Richter hat keine Zeit zu verlieren. Zwar sind es noch gut zweienhalb Stunden, bis die "Winterzeit" offiziell einziehen muss, doch "es ist dunkel, und die Uhr ist ja nicht beleuchtet. Hauptsache, die richtige Zeit wird angezeigt, wenn es hell ist."

Einmal pro Woche mindestens schaut Richter nach dem Uhrwerk im zweiten Obergeschoss des Turmes. Ein Stockwerk darüber zeigen zwei Ziffernblätter die Zeit an - zur Stadt hinein und hinaus. "Je nachdem, wie der Wind steht, geht sie eine oder zwei Minuten vor oder nach - die Zeiger haben ein gewisses Spiel."

Müssen sie auch, denn ansonsten würde die gesamte Mechanik ständig klemmen. Das Uhrwerk ist extra eingehaust, ansonsten drehen sich die Räder völlig frei. Und es schwingt ein Pendel, angetrieben von einem Gewicht, das Richter wöchentlich mit einer großen Handkurbel nach oben zieht. Das Pendel selbst ist aus 40 Jahre abgelagertem Hartholz. "Irgendwann wurde es mal durch zu frisches Holz ersetzt. Das schadet der Genauigkeit, denn das Holz saugt und trocknet je nach Luftfeuchte, ändert also sein Gewicht."

Einmal, erzählt er, seien ihm aufmerksame wachschutz-Mutarbeiter nachgestiegen. "Sie hatten Licht im Turm bemerkt und die angestellte Leiter. Ich hatte ganz schön zu tun, mich zu legitimieren", schmunzelt der Uhrmachermeister.

Wieso befasst er sich mit der Uhr? Vor 40 Jahren eröffnete er seine Uhrmacherwerkstatt in der Gartenstraße. "Die Leute fragten, wo denn das wohl sei. Ich sagte: Am Uhrenturm abbiegen. Darauf die Leute: Na, dass die Uhr dort ständig steht, ist aber keine Werbung! Also habe ich mich um den Wartungsvertrag bemüht. Tja, und irgendwie sind ja Uhrwerke auch Zeitzeugnisse." Sagts, ölt noch ein Lager und steigt die Leiter wieder hinab.