Fußball

„Mehr für unsere Vereine an der Basis tun“

Ende Juni soll es endlich soweit sein: Der Fußballverband Sachsen-Anhalt (FSA) wählt beim Verbandstag ein neues Präsidium.

Jens Alicke, Präsident des SV Groß Santersleben, kandidiert als Vize-Präsident des Fußballverbands Sachsen-Anhalt bei den Wahlen am 26. Juni.
Jens Alicke, Präsident des SV Groß Santersleben, kandidiert als Vize-Präsident des Fußballverbands Sachsen-Anhalt bei den Wahlen am 26. Juni. Foto: Verein

Volksstimme: Herr Alicke, nachdem in der Volksstimme ein Artikel über den Verzicht von Olaf Herbst auf eine Kandidatur als FSA-Präsident erschienen ist, haben Sie Kontakt mit uns aufgenommen. Wieso?

Jens Alicke: In dem Artikel wurde Olaf Herbst zitiert, der Kritik an den Machenschaften innerhalb des Verbandes äußerte. Diese kann und möchte ich untermauern.

Womit begründen Sie das?

Herbst wurde ja durch eine Findungskommission, die durch den mittlerweile verstorbenen Erwin Bugar, den ich persönlich sehr geschätzt habe, angeführt wurde, vorgeschlagen. Das Ergebnis sehen wir nun: Er kandidiert nicht. Daher möchte ich alle Verantwortlichen der Mitgliedsvereine und -verbände des FSA dazu aufrufen, die Arbeit dieses Gremiums zu hinterfragen. Ich persönlich empfinde sie als sehr fragwürdig. Denn meiner Meinung nach entsprach allein die Zusammenstellung der Kommission genau dem Bild, welches der Verband gegenwärtig abgibt. Es wurden Personen damit beauftragt, ein neues Präsidium vorzuschlagen, die dann aber lediglich vorgefertigte Persönlichkeiten gesucht haben. Ein Interesse daran, einen Neuanfang zu wagen, konnte und kann ich nicht erkennen. Bei den gegenwärtigen Verantwortungsträgern kommt es mir zudem so vor, als würden sie sich nur um ihre Posten kümmern, nicht aber um das Wohl des Verbandes.

In welcher Beziehung standen Sie zu der Findungskommission?

Seinerzeit habe ich mich zunächst auch für das Amt des FSA-Präsidenten beworben, im nachfolgenden dann für die Rolle eines Vize-Präsidenten. In den Gesprächen mit den Mitgliedern der Findungskommission habe ich meine Standpunkte dafür deutlich gemacht. Eine Offenheit gegenüber meinen Ansätzen konnte ich dabei nicht erkennen. Im Gegenteil: Sportfreund Manfred Maas hat mich im wahrsten Sinne des Wortes gemaßregelt und sah überhaupt keine Möglichkeit, die von mir angesprochenen Themen umzusetzen. Allein Bugar war es, der mir zustimmte, dass frisches Blut im FSA notwendig wäre. Leider spiegelt sich das in den Vorschlägen der Kommission wenig wider.

Nun liegen diese Vorschläge durch die Bekanntgabe der Kandidaturen von Holger Stahlknecht als Präsident und Christoph Albrecht als Vize-Präsident für Spielwesen ohnehin nahezu ad acta. Wie gehen Sie mit Ihrer Bewerbung um?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich die Kandidatur unseres ehemaligen Innenministers, Holger Stahlknecht, sehr begrüße. Ich kenne ihn persönlich und denke, er würde unseren Sport voranbringen. Obwohl die Findungskommission mich einst zwar nicht als geeignet eingestuft hat, erhalte ich meine Kandidatur aufrecht.

Der FSA hat gleich fünf Posten als Vize-Präsidenten zu besetzen. Auf welchen bewerben Sie sich zum Verbandstag am 26. Juni?

Ich bewerbe mich um die Funktion als Vize-Präsident Vereinsentwicklung einschließlich Qualifizierung, Jugend-, Frauen- und Mädchenfußball, Talentförderung sowie Mitarbeiterentwicklung.

Das klingt sehr umfassend. Wieso dieser und kein anderer Posten?

Durch meine Funktionen als Präsident des SV Groß Santersleben sowie Vereinsvertreter im Präsidium des Kreisfachverbands Fußball Börde bin ich sehr nah dran an der Basis. Meiner Meinung nach klemmt es genau dort. Die handelnden Personen beim FSA sind einfach zu weit weg von den Vereinen, ihren Ehrenamtlern und Mitgliedern. Sie wissen gar nicht, was dort los ist. Daher braucht es im Präsidium Jemanden, der weiß, wo an der Basis der Schuh drückt. Es geht also um die Vereinsentwicklung. Wir müssen unsere Ehrenamtlichen auch besser qualifizieren, damit sie die Anforderungen in ihren Vereinen überhaupt erfüllen können. Dabei geht es nicht nur um sportliche Belange, sondern vor allem den Berg von Bürokratie. Bisher bringt der FSA sich hier nicht ein, lässt die Verantwortlichen in den Vereinen allein. Das möchte ich ändern und mehr für unsere Vereine an der Basis tun.

In erster Linie benötigen wir dringend klare und konkrete Strukturen beim Verband.

Jens Alicke

Wie sind Sie im Vorjahr auf die Entscheidung gekommen, sich zu bewerben?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Im Jahr 2017 habe ich die Verantwortung beim SV Groß Santersleben übernommen. In den drei Jahren bis zur Bewerbung im Vorjahr haben wir hier viel erreicht. Das Wichtigste war, dass wir die übernommenen Schulden in fünfstelliger Höhe komplett zurückführen konnten und der Verein heute schuldenfrei ist. Durch diesen ganzen Prozess habe ich gelernt, was alles dazu gehört, wenn man einem Verein vorsteht beziehungsweise auch, welche Herausforderungen ein Verein überhaupt zu bewältigen hat. Immer wieder kamen wir hierbei darauf, dass es seitens des FSA an Unterstützung fehlt. Da sich dies mit den vorhandenen Funktionsträgern offensichtlich nicht ändern ließe, wuchs in mir der Entschluss, das Zepter dann selbst in die Hand zu nehmen und beim Verband mitzuwirken, um die Situation für die Vereine zu verbessern. Dazu habe ich dann meine Standpunkte formuliert und meine Bewerbung bei der Findungskommission eingereicht.

Sie haben Ihre Standpunkte angesprochen. Wie lauten diese konkret?

In erster Linie benötigen wir dringend klare und konkrete Strukturen beim Verband. Beispielsweise ist es hier meiner Meinung nach niemandem zu erklären, dass es einerseits einen Vize-Präsidenten für Spielwesen Männer, Frauen und Nachwuchs gibt, während auf der anderen Seite ein Vize-Posten für die Entwicklung im Frauen- und Mädchenbereich sowie bei den Junioren zuständig sein soll. Weiterhin möchte ich klare und konkrete Koordinierung der Unterstützung und Hilfen für unsere Vereine erwirken. Dabei geht es beispielsweise darum, den Vereinen konkretere Angebote zu machen, welche Projekte durch welchen Fördertopf unterstützt werden können und dann auch in der Antragstellung helfen. Nicht zuletzt müssen wir dazu kommen, dass es eine klare Kommunikation zwischen Verbandsspitze, Hauptamt sowie den ehrenamtlich Engagierten in KFV/SFV sowie den Vereinen gibt. Der Austausch erfolgt meiner Meinung nach einfach zu wenig.

Holger Stahlknecht trat kürzlich vor die Präsidenten der Kreis- und Stadtfachverbände, um sich vorzustellen. Haben Sie diesbezüglich auch schon Anstrengungen unternommen?

Nein, davon halte ich auch nichts. Beim Verbandstag am 26. Juni hat jeder die Möglichkeit, sich mit seinen Standpunkten vorzustellen. Dort möchte ich die Delegierten dann überzeugen.

Beim Deutschen Fußball-Bund wird derzeit auch ein neuer Präsident gesucht. Hier geht es, wie so oft, um die Rolle des Amateurfußballs. Wie sehen Sie diesen in Sachsen-Anhalt aufgestellt?

So wie auf der Bundes-Ebene immer wieder betont wird, dass die Verbindung zwischen den Profis und Amateuren fehlt, so ist es in unserem Land im Kleinen. Wir haben mit Magdeburg und Halle nur zwei professionelle Mannschaften, denen dann Halberstadt noch folgt. Und trotzdem gibt es keine Vernetzung zwischen diesen Klubs und der Basis im Breitensport. Meiner Meinung nach ist es aber auch so, dass wir als FSA – eben vor allem vom Amateurfußball geprägt – kein gutes Standing beim DFB haben. Daran müssen wir genauso arbeiten, um überregional wieder mehr Gehör zu finden.

Gegenwärtig schlägt die Entscheidung um den Landespokal hohe Wellen. Die Profis sollen am Wochenende einen DFB-Pokal-Teilnehmer unter sich ausmachen, während die Amateure in die Röhre schauen. Wie beobachten Sie dieses Thema?

Dazu fällt mir nur eins ein: Schon die Entscheidung des FSA-Vorstands über die Vorgehensweise mit dem Wettbewerb ist eine Frechheit. Vom jüngsten Sportgerichtsurteil gar nicht zu sprechen. Die Reaktionen der betroffenen Vereine kann ich komplett nachvollziehen. Das Problem liegt aber auch schon woanders: Wieso dürfen die Profis überhaupt Fußballspielen, während unsere Breitensport-Vereine, die auch über Hygienekonzepte verfügen und für ihren Sport kämpfen, nicht auf den Platz dürfen?

Wo sehen Sie den FSA am Ende der Amtszeit, wenn Sie gewählt werden würden?

Dann stehen wir wieder dort, wo unser Verband im deutschlandweiten Vergleich hingehört: im Spitzenfeld der Landesverbände. Dafür haben wir dann die Basis wieder mitgenommen und sind auch wieder in der Lage, Menschen für den Sport und ein Engagement im Ehrenamt zu begeistern, weil sie durch das Hauptamt – welches Dienstleister der Vereine sein sollte – wieder unterstützt und nicht mehr nur bevormundet werden.