Wernigerode l Von Trondheim (Norwegen) über Mitteleuropa bis nach Jerusalem führt ihre Reise. Inzwischen haben die Teilnehmer des Pilgerstaffellaufs „Pilgrims crossing borders“ Würzburg erreicht. Am 28. Oktober ist die Ankunft in Jerusalem geplant. Der Wernigeröder Ulrich Eichler führte die Pilgergruppe 80 Kilometer lang durch Sachsen-Anhalt. Eichler hat seine Wanderschuhe längst wieder abgestreift, die Erlebnisse während des viertägigen Marschs sind aber noch allgegenwärtig.

„In Hornburg, Niedersachsen, habe ich den Pilgerstab übernommen“, berichtet er. Die Teilnehmer stammten aus allen Windrichtungen – Norwegen, Italien, Bayern, Niedersachsen, Hamburg, Sachsen-Anhalt. „Beim Start waren wir uns noch fremd. 20 Kilometer weiter waren wir schon Freunde.“

Ziel der Europawanderung ist es, den Teilnehmern bewusst zu machen, dass die Grenzen zwischen den Völkern und Religionen nur in den Köpfen existieren. Die Route orientiert sich auf 3000 Kilometern an alten Wegen, auf denen schon vor Jahrhunderten Menschen unterwegs waren. Von Stade (bei Hamburg) über Wernigerode bis Rom ist dies die Via Romea, jener mittelalterliche Pilgerweg, der von Ulrich Eichler und den Mitstreitern vom Romweg-Verein wiederbelebt wird.

Bilder

Grenzweg

„Um acht Uhr war Abmarsch, jeden Morgen“, erinnert sich Eichler. Zuerst ging es entlang der innerdeutschen Grenze. „Den Norwegern standen Tränen in den Augen. Sie konnten es nicht fassen, das diese Grenze jetzt offen ist.“ In Osterwieck und Berßel seien die Pilger herzlich von den jeweiligen Bürgermeistern empfangen worden. „Auf dem Weg nach Wasserleben wurden wir von Nadja Effler-Scheruhn und Tina Siebeck von der Pilgerherberge Minnekenhus überrascht.“ Die beiden Frauen sorgten nicht nur für eine Stärkung der Wanderer, sondern hatten auch ein kleines Ritual vorbereitet. „Dazu mussten wir unsere Schuhe ausziehen und in den Flusslauf der Ilse klettern“, sagt Ulrich Eichler, „Das war ziemlich kalt. Wir haben Rosenblüten ins Wasser fallen lassen. Die Blüten landen nach vielen Etappen im Ozean.“

Nach der Übernachtung im Minnekenhus ging weiter. „Von der Charlottenlust aus haben wir den Brocken gesehen. Er war zuvor mit Wolken verhangen gewesen.“ Ein besonderes Erlebnis war der Besuch der Georgiikapelle. Das Gotteshaus an der Ilsenburger Straße in Wernigerode stand schon zu Lebzeiten von Abt Albert. Der Mönch hatte sich im Jahr zu Fuß 1236 von Stade nach Rom begeben. Die Stationen seines Weges auf der Via Romea schrieb er später in einer Art Reiseführer nieder. Dank dieser Arbeit ist der Verlauf der Pilgerstraße noch heute nachvollziehbar.

Überraschung

Abwechslungsreich sind die Wege noch immer. Von Straße über Waldweg bis Wiesentrampelpfad ist alles dabei. „Teilweise mussten wir über umgestürzte Bäume klettern, die uns den Weg versperrten.“ Kurz vor Elbingerode kamen den Pilgern die Mitglieder des Harzklub-Zweigvereins Elbingerode entgegen. „Das war eine Überraschung. Ich wusste zwar, dass sie uns empfangen wollten, aber nicht wo und wann.“ Vorbei an Drei Eichen mit der ersten Via Romea-Tafel am Romweg, an den Kalksteinbrüchen, über die Trogfurter Brücke, über die schon vor Jahrhunderten die Könige und Kaiser mit ihren Heeren marschiert sind. Zur Königsburg bei Königshütte, wo Heinrich III. 1056 der Legende nach in den Armen des Papstes starb, über die Rappbodevorsperre nach Hasselfelde. „Am Birkenmoor haben uns die Bewohner eines Forsthauses ihre Toilette zur Verfügung gestellt. Und sie haben darauf bestanden, dass wir unsere dreckigen Wanderschuhe anbehalten.“

Begegnungen wie diese sind Ulrich Eichler und den Pilgern im Gedächtnis geblieben. Auch der herzliche Empfang am Ende der Sachsen-Anhalt-Passage in Neustadt (Thüringen), die spontanen Pilgerandachten in den Etappenorten. „Dafür und für die perfekte Organisation sind wir unendlich dankbar“, sagt Ulrich Eichler, der die Erlebnisse der Tour inzwischen mit Stein Thure, dem norwegische Initiator des Pilgerstaffellaufes, geteilt hat. „Er hat mir geschrieben: ‚Es bewegt mich, dass die Menschen die Idee der Verständigung in Verbindung mit Wallfahrt zu umarmen scheinen‘.“