München (dpa) - Sie traten in Wackersdorf auf und an der jahrzehntelang heiß umkämpften umstrittenen Isental-Autobahn - 40 Jahre gemeinsame Bühnen- und Kritikkultur verbindet den Kabarettisten Gerhard Polt und die Brüder der Musiker-Großfamilie Well.

Ihr Markenzeichen: über die CSU und die Obrigkeit herziehen. Parteien, Bauern, Katholiken, Freiwillige Feuerwehren, Sparkassenchefs und natürlich die jeweiligen Ministerpräsidenten in Bayern - alle haben über die Jahrzehnte ihr Fett abbekommen.

Nun schauen Polt und die Well-Brüder mit einer neuen CD zurück auf die gemeinsame Zeit. Der Zusammenschnitt aus Auftritten des vergangenen Jahres "Gerhard Polt und die Well-Brüder 40 Jahre" mit 13 Titeln ist jetzt erschienen - auch als Doppelvinyl-Album auf 3000 Stück limitiert und nummeriert.

In den Liedern und Gstanzln - teils mit den Toten Hosen - nehmen sie scharfzüngig und hintergründig Politiker wie Kirche, Bauern, Vereine und das biedere Bürgertum aufs Korn. Polt-Klassiker wie "Brabang" über einen indischen Priester oder "Kormoran" sowie die Well-Lieder "40 Cent" oder "E-MAM-BE-LE" mit den Toten Hosen sind zu hören.

Im Oktober wollen die vier zusammen zu einer Tournee starten. "Die Termine stehen, die Tickets sind verkauft. Aber man weiß nicht, wie es weitergeht", sagt Polt mit Blick auf die Corona-Krise. In Gersthofen etwa soll ein Dreifachauftritt um 11.00 Uhr, um 15.00 Uhr und um 19.00 Uhr die Vorstellung retten - gerade weil sie ausverkauft war, wäre sie sonst womöglich geplatzt. An die 900 Menschen in der Stadthalle wären nicht möglich. "Wenn alle ihre Karten zurückgeben, ist der Veranstalter pleite. Also haben wir gesagt, dann machen wir es so, dass wir drei Mal spielen - für 300 Leute", sagt Polt.

Wegen der Coronabeschränkungen sind viele Auftritte und Projekte verschoben. "Von Frühling auf Sommer, und vom Sommer auf den Herbst - und vom Herbst gleich auf nächstes Jahr." Das in den Kammerspielen für dieses Jahr nach jahrelanger Pause geplante Stück "A scheene Leich" werde es voraussichtlich erst 2022 geben, sagt Christoph ("Stofferl") Well. Polt: "Ich seh' der Sache ganz ruhig entgegen - ich bin ja erst 78."

Für den Kabarettisten ist vor allem die Einstufung bestimmter Branchen als systemrelevant "ganz schlimm". "Bestimmte Leute kriegen in diesen schweren Zeiten ihr Geld und andere - vor allem Künstler - schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirge", sagt er. "Das wäre zum Beispiel ein Grund, wieder auf die Straße zu gehen."

Oft genug haben die Well-Brüder, damals noch als Biermösl Blosn gemeinsam mit Hansi Well - sich mit Protestbewegungen solidarisiert. Der Bayerische Rundfunk (BR) belegte die Volksmusiker zeitweise mit einem Sendeverbot. Das Kultusministerium in München ließ ein Schulbuch einstampfen, weil der Liedtext der bissigen Anpassung der Bayernhymne ("Gott mit dir, du Land der BayWa") darin enthalten war.

In Wackersdorf trat die Biermösl Blosn Mitte der 1980er mit den Toten Hosen auf, mit denen sie von da an eng verbandelt waren. 1990 arbeiteten die Bayern und die Düsseldorfer für das Hosen-Album "Auf dem Kreuzzug ins Glück" zusammen, mehrfach gingen sie gemeinsam auf Tour. Das Jubiläumsalbum erscheint freundschaftsbedingt nun auf JKP, dem bandeigenen Label der Toten Hosen.

"Gemeinsame Auftritte mit den Hosen - das waren immer Highlights". sagt Christoph Well heute. Polt gibt auf die Frage nach der gemeinsamen Zeit in seiner subversiv-abseitigen Art an, er erinnere sich vor allem an Garderoben, offenbar nicht modernster Ausstattung, dafür mit Hausschwammbefall. Und an ein offensichtlich denkwürdiges Catering: "Vier Käsesemmeln."

Politsatire steht nicht mehr so stark im Vordergrund wie in der Anfangszeit. Auch wenn Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weniger kernig und greifbar sei als früher Franz Josef Strauß - in der Well'schen "Coronik" komme er nicht zu kurz, sagt Christoph Well. "Wir haben eine Lesung gemacht, und da behaupten wir natürlich schon, dass der große Coronator Söder in Berlin auf seinem Mautesel Andreas Scheuer durch das Brandenburger Tor reitet." Polt wiederum will nicht spekulieren, ob Söder je als Kanzler nach Berlin ziehen wird. "Wenn mangels Flugverkehr nicht mal der Wetterbericht mehr verlässlich ist, trau ich mir hier keine Prognose mehr."

Auch mit fast 80 will Polt mit den Well-Brüdern weitermachen. Christoph Well: "Wir machen solange weiter, wie wir aneinander eine Freude haben und uns gegenseitig zusammen mit dem Publikum gut unterhalten."

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