Berlin (dpa) - Deutschlands Reggae-Star Gentleman singt jetzt auf Deutsch. Der 45-Jährige, der eigentlich Tillmann Otto heißt, aus einem Pastorenhaushalt im Landkreis Osnabrück stammt und in Köln aufwuchs, veröffentlicht mit "Blaue Stunde" sein erstes Album mit durchgehend deutschen Titeln - und klingt dabei trotzdem weiter recht unverfälscht nach Kingston, der Hauptstadt Jamaicas, Geburtsort des Reggae.

Eigentlich hatte das alles schon viel früher kommen sollen. Mit den Arbeiten am Album war er eigentlich schon recht weit gewesen, als die Corona-Pandemie das Leben global auf den Kopf stellte und auch Gentleman in die Konzert-Pause zwang. Ein paar Monate später als zunächst geplant ist es jetzt so weit.

Seinem Roots-Sound bleibt Gentleman auf "Blaue Stunde" auf weiten Strecken treu. Weil er aber nicht mehr in der jamaikanischen Kreolsprache Patois singt, rücken die Texte stärker in den Mittelpunkt. Erstmals wird Gentleman damit jetzt auch außerhalb Jamaicas, in seiner Heimat, quasi barrierefrei verstanden.

Die Zeile "Zwischen Tuff-Gong-Studios und Kirchenmusik" aus dem Song "Zwischen den Stühlen" fasst eigentlich ganz gut, zwischen welchen Polen sich das Leben des Musikers abspielt. Tuff Gong, das war der Spitzname Bob Marleys, der als Urvater der Musik gilt, die 2018 von der Unesco zum immateriellen Welterbe erklärt wurde.

Unter diesem Namen gründeten Marley und die Wailers vor inzwischen gut 50 Jahren ihr legendäres Plattenlabel. Die Studios, in denen Marley Welthits wie "Buffalo Soldier" oder "Redemption Song" aufnahm, sind heute ein Mekka für Musiker aus aller Welt.

Von Kingston bis Köln sind es etwa 8000 Kilometer Luftlinie. Naturgemäß liegen da nicht dieselben Geschichten auf der Straße, unterscheiden sich die Erfahrungen und die Themen, die sich aufdrängen. Vielleicht ist das ein Dilemma deutscher Reggae-Stars: die sozialen Themen des Reggae lassen sich zwischen Alpen und Ostsee nicht ganz so gut illustrieren wie in Kingston.

Und so ist Reggae in Deutschland oft eher ein Soundtrack zum Chillen: Hängematte statt Aufstand. Gentleman täuscht darüber nicht hinweg. Vor allem hat er es, da wo er ist, nicht nötig. "Augen zu, Schaukelstuhl, ausgeruht, viel Zeit statt ausgebucht" - das klingt ein bisschen nach einer ersten Wertung der Corona-Krise in der Popkultur. Doch so klingt jemand, der angekommen ist.

"Blaue Stunde" ist ein biografisches Album, eine Momentaufnahme. Und Gentleman ist in dieser Phase seines Schaffens offenbar nicht mehr getrieben, die vielleicht bestehenden Erwartungen an klassische Themen eines Reggae-Albums zu erfüllen. Es darf stattdessen auch mal um Gartenarbeit gehen, darum, wie man sich das Alter vorstellt und wie man den Enkeln einmal von dieser verrückten Zeit wird erzählen können, in der er von Köln bis Kingston Menschen zum Tanzen brachte.

Dass dabei unter den Tisch fällt, auf welchen Schultern Gentleman steht, ist nicht zu befürchten. Er zeigte immer Respekt und bot jamaikanischen Künstlern und Künstlerinnen auf seinen Alben eine Bühne. Auch in der Heimat des Reggae wurde ihm bei Konzerten zugejubelt. Kulturelle Aneignung sieht anders aus.

Als Fixpunkt rückt Jamaica ein wenig in den Hintergrund, und Gentleman beleuchtet sein Leben "zwischen den Stühlen". Statt Ky-Mani Marley oder Shaggy geben sich nun eben Sido oder Luciano bei Gastauftritten die Klinke in die Hand. Der 45-Jährige ist darüber mit sich offenbar im Reinen. "Freu mich dass der Mann im Spiegel zu mir Peace sagt", heißt es in der ersten Single "Ahoi".

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