Berlin (dpa) - Der Überblick über neue Musik von Singer-Songwriterinnen offenbart beeindruckende Qualität. Die Deutsche Presse-Agentur stellt aktuelle Alben von Juanita Stein, Laura Veirs, Joan Osborne und Suzanne Vega vor.

JUANITA STEIN - "Snapshot" (Nude Records/The Orchard/Bertus)

Schmerz, Schroffheit und Schönklang treffen im herausragenden dritten Solo-Werk der Sängerin von Howling Bells zusammen: Schmerz, weil die 43-jährige Australierin während der Entstehung dieser Platte mit einer schweren Krankheit ihres Vaters konfrontiert war; Schroffheit, weil sie ihre Gefühle teilweise mit verzerrten Gitarren und harschen Klängen transportierte; und Schönklang, weil der mit Indie-Folk, Psych- und Country-Rock sozialisierten Musikerin so feine, bittersüße Melodien eingefallen sind wie noch nie zuvor.

"America" (2017) und "Until The Lights Fade" (2018) waren schon sehr beachtliche Alben der aus Melbourne stammenden Stein - "Snapshot" aber hat nun eine Dringlichkeit, die über den Solo-Zeitvertreib einer Band-Sängerin weit hinausgeht. Aufgenommen mit dem bekannten Produzenten Ben Hillier (Blur, Doves), stellen die zehn Lieder Juanitas so sensible wie starke Stimme sowie die Saiten-Künste ihres Bruders und Howling-Bells-Mitstreiters Joel ins Rampenlicht. Wer die Schnittmenge aus selbstbewussten Singer-Songwriterinnen wie Juliana Hatfield, Nadine Shah und Courtney Barnett sucht, wird hier fündig.

LAURA VEIRS - "My Echo" (Bella Union/PIAS)

Ebenfalls von negativen Erlebnissen geprägt ist die aktuelle Platte dieser Sängerin aus Portland/Oregon. In noblen Folkpop-Liedern thematisiert Laura ihre Scheidung von Top-Produzent Tucker Martine, mit dem sie nun privat getrennte Wege gehen, jedoch weiterhin professionell zusammenarbeiten will.

"Wir waren ein großartiges musikalisches Team über viele Jahre, aber wir hatten damit zu kämpfen, in unserer Ehe und dem Familienleben zusammenzupassen - dieser Kampf wird in dem Album reflektiert", sagt die 47-jährige Veirs, deren Rückbezüge auf Joni Mitchell, Suzanne Vega oder Neko Case nach wie vor unüberhörbar sind.

Gedichte, die die US-Amerikanerin in der Krisenzeit schrieb, wurden zur Grundlage der neuen Songs. Es geht um Ausbruch und Freiheit, aber auch um Sicherheit und Beständigkeit - also etwas, das zuletzt verloren ging. Beruhigend, dass sich Laura Veirs als gut vernetzte, hoch anerkannte Musikerin auf kompetente Kollegen verlassen kann - Unterstützung erhielt sie auf "My Echo" von Jim James (My Morning Jacket), Bill Frisell, Karl Blau und M. Ward.

JOAN OSBORNE - "Trouble And Strife" (Womanly Hips/Thirty Tigers)

Mit dem Single-Hit "One Of Us" hatte diese US-Songwriterin vor 25 Jahren die berühmt-berüchtigten "15 Minuten Weltruhm". Dann wurde es lange ruhiger um die inzwischen 58-jährige Musikerin, die mit "Trouble and Strife" ihr erstes Album mit Originalmaterial seit sechs Jahren veröffentlicht hat. Und es ist immer mindestens solides, teilweise auch weit überdurchschnittliches Material, mit dem Osborne hier wohl ein selbstbewusstes Spätwerk startet.

Sie bringt die selbst produzierte Songsammlung auf eigenem Label heraus, hat alle zehn Lieder (mit-)geschrieben und singt sie voller Verve mit reifer, warmer Stimme. Gesellschaftskritik und Zukunftsoptimismus halten sich in den Texten die Waage.

Musikalisch liefert Osborne eine gelungene Mixtur aus griffigem Roots-Pop (etwa im Opener "Take It Any Way I Can Get It"), Classic-Rock ("Boy Dontcha Know"), Soul, Blues und Country-Folk. "Für einen Großteil der Platte strebten wir einen 70er-Jahre-Radio-Vibe an", sagt die Künstlerin. Und inhaltlich seien die Songs "die politischsten, die ich je geschrieben habe". Passt ja in diese Zeit.

SUZANNE VEGA - "An Evening Of New York Songs And Stories" (Cooking Vinyl/Sony)

Zum Abschluss ein Tipp für Livemusik-Fans, die bekanntlich in diesem Corona-Jahr wenig zu feiern hatten: Mit "An Evening..." präsentiert die zweifache Grammy-Gewinnerin Suzanne Vega (61) einige ihrer New-York-Lieder und -Geschichten in einem Konzertmitschnitt, für den sie von Gitarrist Gerry Leonard, Bassist Jeff Allen und Keyboarder Jamie Edwards begleitet wurde. Das 24 Stücke in 65 Minuten Spieldauer umfassende Album wurde Anfang 2019 im berühmtem "Café Carlyle" (Vega: "where Jackie Kennedy met Audrey Hepburn") aufgenommen.

Es enthält in reduzierten Versionen bekannte Songs wie "Marlene On The Wall", "Luka" und "Tom's Diner", aber auch weniger Berühmtes aus ihrem Katalog, Lieder über die Südstaaten-Autorin Carson McCullers - und ein Cover von "Walk On The Wild Side" ihres gestorbenen Freundes Lou Reed.

Vega, zweifellos eine der führenden, erfolgreichsten Songschreiberinnen ihrer Generation und Vorreiterin des Folk-Revivals der 80er Jahre, zeigt sich in dieser behaglichen Konzertstunde in absoluter Bestform. Vielleicht nächstes Jahr auch in einem deutschen Club? Schön wär's ja.

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