Berlin (dpa) - Die Folterknechte brachen Victor Jara beide Hände, damit der populäre Musiker nicht mehr Gitarre spielen konnte. Wenig später erschossen sie den sanften Sozialisten im "Estadio Chile", das dem putschenden Pinochet-Militär 1973 als Gefängnis für Anhänger des demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende diente.

Heute trägt der Sporttempel den Namen des längst weltberühmten Folksängers, Dichters und Theaterregisseurs - seit dem 30. Jahrestag dieses politischen Mordes heißt er "Estadio Victor Jara".

Die Geschichte des chilenischen Künstler-Aktivisten, der unter so grausigen Umständen starb, hat James Dean Bradfield schon lange fasziniert. Und wer könnte besser eine Art Rock-Oper über Victor Jara (1932-1973) komponieren als dieser aufrechte linke Sänger und Gitarrist aus Wales, der als Frontmann der Manic Street Preachers schon seit den 90er Jahren gegen Ungerechtigkeiten aller Art, gegen Menschenrechtsverletzungen und faschistische Tendenzen antritt.

Mit seinem zweiten Soloalbum "Even In Exile" (Delware Limited/MontyRay/Membran) legt Bradfield ein Cinemascope-Werk vor, dessen Empörung und Empathie den Atem rauben. Die Musik ist aber nicht nur hochemotional, sondern auch enorm abwechslungsreich. Man mag kaum glauben, dass der 51-Jährige all diese Klangbilder zwischen treibendem Gitarrenrock, orchestraler Opulenz (etwa im wunderschönen Instrumental "Under The Mimosa Tree"), düsterer Elektronik und südamerikanischen Folklore-Anleihen fast allein eingespielt hat.

Die Platte umfasst zehn Bradfield-Kompositionen und eine Coverversion von Jaras "La Partida". Die ergreifenden Texte stammen ebenfalls von einem, der etwas davon versteht: Patrick Jones ist ein angesehener walisischer Theaterautor - und Bruder von Nicky Wire, dem Bassisten und Songschreiber der Manic Street Preachers.

Es geht episodenhaft um Jaras nur knapp 41 Jahre dauerndes Leben, die Liebe zu seiner britisch-chilenischen Frau Joan ("Without Knowing The End (Joan's Song)"), seinen Tod ("The Last Song") und eine bis heute reichende Volkshelden-Legende.

"Irgendwann Anfang 2019 gab mir Patrick eine Handvoll Gedichte, die jeweils verschiedene Aspekte von Victor Jaras Leben berührten", erzählt Bradfield. "Als ich sie las, war ich von der Idee beeindruckt, dass, wenn ein Leben etwas bedeutet, es auch nach dem Tod weitergeht. Dieser Gedanke blieb in mir haften und brachte mich dazu, Patricks Worte in eine Platte zu verwandeln."

Bradfield wäre aber nicht Bradfield, wenn er es bei einer schlichten biografischen Nacherzählung belassen hätte. Er schlägt den Bogen von 1973 in die Gegenwart. Denn auch jetzt wieder begegneten die Mächtigen überall oppositionellen Bestrebungen mit "einem völligen Mangel an Empathie, Kompromissen oder Respekt", meint der Musiker.

Und er fügt hinzu: "Ende 2019 (...) versammelten sich die Menschen auf der Plaza Italia in Santiago und sangen Jaras Lieder bei einem Massenprotest gegen die Regierung. Seine Stimme ist ein Echo." In einem Interview des britischen "Guardian" fasst Bradfield seine jahrzehntelange Wertschätzung für die Musik des Chilenen so zusammen: "Jara zeigt uns, dass Protestmusik auch wie ein Psalm oder ein Gebet sein kann, um eine umfänglichere Wirkung zu erzielen - damit man die Geschichte ein bisschen besser versteht. Das passt auch für die heutige Zeit."

Bradfield ist mit "Even In Exile" ein meisterliches Polit-Rock-Album geglückt. Der Sänger knüpft hier an die besten Platten seiner Band an, bei "Everything Must Go" (1996), dem Nummer-eins-Hit "This Is My Truth Tell Me Yours" (1998) oder dem an David Bowie erinnernden "Futurology" (2014). Eine nicht zu unterschätzende Leistung in einem Sub-Genre, das - nach dem Motto "Gut gemeint, schlecht gemacht" - viele Fußangeln für pathetisches Scheitern bereithält. Unter anderem wohl deshalb ernannte das Musikfachmagazin "Rolling Stone" "Even In Exile" zu seinem Album des Monats.

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Website Bradfield/Manic Street Preachers