Der Kasernenkomplex Hillersleben (Börde), einer der größten der Roten Armee in der DDR, soll bis zum Sommer einem Solarpark weichen. 60 der 90 Häuser werden dafür bis zum Sommer dem Erdboden gleichgemacht. Obwohl "Klein Moskau" für die Deutschen eine verbotene Stadt war, gab es viele Freundschaften. Sie bestehen noch heute.

Hillersleben. Der Hillersleber Klaus-Peter Keweloh steigt die etwa 20 Meter hohe Treppe zur alten Siedlung hinauf, mitten zwischen den Ruinen. Oben angekommen, dreht er sich bedächtig um und schüttelt den Kopf. "Das soll jetzt alles weg", beklagt er. Da unten, rund um den alten Exerzierplatz, wird ein Haus nach dem anderen eingeebnet. Es sind große Wohnblöcke, Schulen, ein Krankenhaus, ein Schwimmbad, zwei Kinos, Cafés und Einkaufsmärkte - eine kleine Stadt eben. Sie wird auch heute noch "Klein Moskau" genannt.

Der 58-jährige Hillersleber kennt das Gelände wie seine Westentasche. Bereits als Fünfjähriger betrat er das erste Mal das Gelände der verbotenen Stadt. Er schlüpfte durch die Lücken in der Mauer, die er und seine Spielkameraden wieder fanden. "Wir schlossen Freundschaften mit den Soldaten und am Lagerfeuer aßen wir gemeinsam Brot. Nur von der Kommandantur durften wir uns nicht erwischen lassen. Dann gab es Ärger", erinnert sich Keweloh. In diesem Fall habe man als Kind Tränen fließen lassen und ein paar Wochen die Besuche ausgesetzt. "Danach ging es aber weiter", erinnert sich der Hillersleber.

"Mein Freund hat regelmäßig Essenabfälle für die Schweine abgeholt."
Klaus-Peter Keweloh

Soldaten und die Hillersleber, alle verständigten sich mehr oder minder erfolgreich mit Händen und Füßen. Vor allem der Schwarzmarkt florierte auf beiden Seiten der Mauer. Während bei den russischen Soldaten vor allem Bier und Wodka hoch im Kurs standen, hatten es die Hillersleber auf Benzin und Briketts abgesehen. Letztere gab es in der Garnision reichlich, denn über 90 Prozent der Häuser wurden in "Klein Moskau" mit einem Kachelofen beheizt. Keweloh erinnert sich: "Mein Freund hat auch regelmäßig die Essenabfälle von den Russen abgeholt. Das war perfektes Schweinefutter. Die hätten es ohnehin weggeworfen und wir konnten es gut gebrauchen." Der damals Elfjährige sammelte hingegen Flaschen und Altstoffe in der Kaserne.

Die "Druschba-Freundschaft" entwickelte sich, mehr als es den Offizieren der damaligen UdSSR eigentlich lieb war. Denn als 1966 die erste russische Kosmonautin im All, Valentina Tereschkowa, nach Hillersleben kam, standen alle Pioniere einer nahen Schule mit Fähnchen am Wegesrand Spalier. Doch eigentlich sollte gar keiner wissen, dass sie überhaupt kommt.

Auch der Benzinhandel trieb Blüten, der 1968 beinahe in einer Katastrophe endete. So entzündete sich Treibstoff in einem Garagenkomplex. "Das Ganze war nur 200 Meter von unserem Haus entfernt. Es hat fürchterlich gerummst und wir sind alle in die Keller gelaufen", erinnert sich Klaus-Peter Keweloh. Später erfuhr er, dass es einigen Offizieren unter Einsatz ihres Lebens gelang, das Inferno zu verhindern, indem sie bereits aufmunitionierte Fahrzeuge aus den Flammen fuhren. Nur 500 Meter vom Explosionsort entfernt befand sich das große Tanklager.

Die Kasernen-Stadt hatte auch andere Schattenseiten. Vor allem der Lärm machte den Hillerslebern zu schaffen. Bei den Übungsflügen donnerten die Hubschrauber und Düsenjets nur knapp über die Häuser hinweg. "Truppenbewegungen" hatten die Folge, dass die Dorfbewohner ihr eigenes Wort nicht mehr verstanden.

Jeden Abend gegen 22 Uhr konnten die Hillersleber auch ein ganz besonderes "Hörspiel" erleben: Den Zapfenstreich. Ein Trompeter blies dabei zur Nachtruhe.

Auch Erinnerungen an spezielle Gerüche gibt es: Immer, wenn der heute 58-Jährige irgendwo ein strenges Parfüm in der Nase hat, muss er auch an die vollen Linienbusse zwischen Haldensleben und Magdeburg denken. Die Offiziersfrauen nutzten sie zur Einkaufsfahrt. "Seltsamerweise wussten sie immer genau, wann es gerade Ware in den Kaufhäusern gab", erinnert er sich.

Allerdings wusste auch die deutsche Bevölkerung die guten Einkaufsmöglichkeiten im "Russenmagazin" (die Einkaufsmärkte auf dem Kasernengelände) zu nutzen. Die Wache am Eingang zeigte sich im Laufe der Jahre tolerant. So konnten DDR-Bürger dort Bier, Jeans, aber auch mal Mandarinen und Bananen, Christbaumschmuck oder ein seltenes Kaffeeservice einkaufen.

"Das war draußen alles Bückware, im Russenmagazin gab es das", erinnert sich Keweloh.

"Wir tauschten sogar leere Patronenhülsen gegen ein paar Flaschen deutsches Bier."
Pawel Chigaryov

Im September 1994 zogen die letzten Bewohner der kleinen Garnisonsstadt ab. Das Gelände, das noch heute Hillersleben-Dorf und Hillersleben-Siedlung trennt, wurde im Laufe der Jahre zum Biotop. Ein Eldorado für Füchse, Hasen und Schrottdiebe. Letztere haben sogar eine ganze Eisenbahntrasse zu Geld gemacht.

Geblieben sind einige Freundschaften. Klaus Peter-Keweloh bekommt viel Zuspruch auf seiner Hillersleber Internetseite, die an das Leben in "Klein Moskau" erinnert. Er sagt: "Ich habe schon über ein Dutzend ehemaliger russischer Soldaten in meinem Haus übernachten lassen. Sie wollen ihre Stadt noch einmal sehen und sie ihren Familien zeigen."

Einer dieser ehemaligen Soldaten ist Pawel Chigaryov. Er war von 1985 bis 1987 als Aufklärer in der Kaserne stationiert. Jetzt wohnt er in Woronesch, einer Großstadt in Zentral-Russland. Seine Zeit in Deutschland war im Vergleich zu vielen Offizieren kurz. Dennoch verfasste er eine eigene Internetseite über die Garnison Hillersleben, die bei den damaligen Rekruten der ehemaligen Sowjetrepubliken offensichtlich sehr beliebt ist.

1,2 Millionen Zugriffe habe er auf seiner Webseite bereits registriert. Der Volksstimme sagt er in einer Videokonferenz per Internet: "Ich bin mit zahlreichen Soldaten in Kontakt, die mir schon 2573 Fotos aus der Zeit in Hillersleben zugeschickt haben. Das Interesse für die ehemalige Garnison ist enorm."

Die Zahl sei deshalb beeindruckend, da das Fotografieren auf dem Gelände eigentlich strengstens verboten war. Aber das war der Kontakt zu den Deutschen ja auch. "Wir hatten ihn trotzdem", sagt er und lacht.

Auch er kann sich an den florierenden Schwarzhandel sehr gut erinnern. "Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt. Gegen eine Flasche Wodka gab es 20 Liter Benzin", erzählt der 46-Jährige, der inzwischen Vater von zwei Töchtern ist. Pawel Chigaryov: "Ich kann mich noch sehr gut an eine Fahrt nach Klinze (heute ein Ortsteil von Oebisfelde-Weferlingen in der Börde) erinnern. Da trafen wir einen Jungen, der uns deutsches Bier zum Tausch gegen leere Patronenhülsen anbot. Gehandelt wurde wirklich mit allem."

Eines der beliebtesten Foto-Motive war das Ortseingangsschild von Hillersleben. Auch an den Panzern posierten die jungen Männer, während sich die Frauen am Einkaufs-Magazin ablichten ließen.

Chigaryov: "Ich kann nicht verstehen, dass die Wohnhäuser nun einer Solaranlage weichen sollen. Wenigstens einige Häuser sollten als Museum stehen bleiben." Er will im Mai die rund 2000 Kilometer von Woronesch nach Hillersleben mit dem Auto zurücklegen.

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