Von Steffen Honig

Kroatien ist auf einem langen Marsch – dem in die Europäische Union. Und der Botschafter des Landes in Deutschland, Miro Kovac, hofft, dass der Republik und ihren 4,5 Millionen Einwohnern dabei nicht die Puste ausgeht. Als Gast der Europäischen Bewegung Sachsen- Anhalt bekannte Kovac am Mittwoch in Magdeburg: "Der Enthusiasmus ist dem Realismus gewichen."

Derzeit habe das EU-Kandidatenland Kroatien mit Brüssel 25 von 34 Verhandlungskapiteln abgeschlossen. Die noch offenen Kapitel beträfen u.a. die Justiz, Finanzen, Landwirtschaft, Fischerei und Werftindustrie. Nun schaue die Regierung in Zagreb auf den März 2011. Dann werde, so der Diplomat, der EU-Bericht über den Stand der Justizreform vorgelegt. Falle dieser positiv aus, könnte bis zum Sommer der Beitrittsvertrag unterschrieben sein, erklärt Kovac.

In der EU wäre das südosteuropäische Land dann immer noch nicht. Ein Volksentscheid in Kroatien selbst stünde an sowie der Ratifizierungsprozess in allen 27 Mitgliedsländern, für den der Botschafter rund 18 Monate ansetzt. 2013 könnte Kroatien dann 28. EU-Mitgliedsland werden, wenn Island schneller ist.

Kovac glaubt, dass bei einem Referendum eine Mehrheit für den EU-Beitritt stimmen werde. Trotz oder gerade wegen der Ernüchterung, die bei vielen seiner Landsleute nicht zuletzt durch die Euro-Krise eingetreten sei. "Man weiß bei uns, dass die EU kein Schlaraffenland ist. Das finde ich gut. Für Wohlstand muss auch etwas getan werden – diese Denkweise setzt sich in Kroatien durch."

Rückblende: Vor 20 Jahren war der Europa-Idealismus der Kroaten bedeutend größer und wie Kovac erläutert, ein Grund für die Unabhängigkeitsbestrebungen. Aus dem erhofften Durchmarsch der Kroaten nach Brüssel wurde ein steiniger Weg.

Der Krieg gegen Serbien, das zeitweise 30 Prozent des kroatischen Staatsgebietes besetzt hielt, verhinderte die Annäherung an Europa. Dann forderte die EU von Kroatien nicht nur gute Beziehungen zum Westen, sondern auch zu den Nachbarn in den anderen ehemaligen jugoslawischen Republiken, was für die national gesinnte Regierung in Zagreb schwer verdaulich war. Erst nach einem Wahlsieg der sozial-liberalen Kräfte begann im Jahr 2000 eine Kooperation mit Brüssel, die später von den konservativen Demokraten, die auch die Minderheiten im Parlament integrierte, fortgesetzt wurde. Seit fünf Jahren verhandelt Kroatien mit der EU über den Beitritt.

Der vergleichsweise lange Prozess hat seine guten Gründe: Die EU-Kommission will sich nicht wie bei der großen Ost-Erweiterung 2004 vorwerfen lassen, den Kandidaten nicht gründlich genug geprüft zu haben. Kroatien hatte nach wirtschaftlich erfolgreichen Jahren 2009 einen krisenbedingten Einbruch erlitten, von dem sich das Land gerade wieder erholt.

Die Nachbarstaaten Kroatiens auf dem Westbalkan haben ebenfalls eine EU-Pers- pektive, die jedoch für Bosnien-Herzegowina oder das Kosovo oder Albanien erst am Horizont blinkt. Zu unsicher sind hier noch die Verhältnisse und Reformprozesse. In Richtung EU bewegen sich bereits Mazedonien, das sich durch den Namensstreit mit Griechenland aber selbst im Weg steht, und Serbien, das vor einem Jahr den EU-Beitritt beantragt hat.

Belgrad hat dabei die Unterstützung des einstigen Feindes Kroatien. Botschafter Kovac jedenfalls hofft auf einen "schnellen Beitritt Serbiens zur EU".