Das Bild des knienden Kanzlers Willy Brandt vor dem Denkmal der Ghettohelden in Warschau am 7. Dezember 1970 ging als eine Ikone der Aussöhnung blitzschnell um die ganze Welt. Nur Polen reagierte mit Schweigen auf die ungewöhnliche Geste.

"Am Tage des Geschehens sprach mich keiner meiner Gastgeber hierauf an", erinnerte sich Brandt. "Unter polnischen Spitzenpolitikern war das überhaupt kein Thema", so Mieczyslaw Tomala- Neiße-Grenze stand damals im Mittelpunkt, erläutert der polnische Deutschlandkenner, der 1970 Brandts Gespräche mit Parteichef Wladyslaw Gomulka und Ministerpräsident Jozef Cyrankiewicz übersetzte.

Wer am Tag danach hoffte, ein Foto mit der Szene in einer polnischen Zeitung zu finden, wurde enttäuscht. Kein Chefredakteur wagte es, den knienden "BRD"-Kanzler zu zeigen. In der Parteizeitung der Kommunisten, "Trybuna Ludu", hieß es lediglich: Brandt habe mit einer Kranzniederlegung die Opfer des Faschismus gewürdigt.

In anderen Blättern sah es nicht besser aus. Die katholische "Slowo Powszechne" schrieb verklausuliert von Brandts "spontaner Reaktion". Und auch die liberalste Wochenzeitung des Ostblocks – "Polityka" des Mieczyslaw Rakowski durfte auf den Kniefall nicht direkt eingehen. Nur die jiddische "Folks Stimme" machte eine Ausnahme.

Mit seiner unerwarteten Geste habe Brandt den kommunistischen Parteiapparat "in Angst und Schrecken versetzt", meint der Journalist Karol Szyndzielorz, als Reporter vor 40 Jahren Augenzeuge des Kniefalls. "Polens Machthabern passte damals ein guter Deutscher nicht in den Kram", bringt es der Historiker Wlodzimierz Borodziej auf den Punkt.

Der Vertrag mit der Bundesrepublik, der nach einem Vierteljahrhundert Streit die Oder-Neiße-Grenze bestätigte, galt in Polen als großer Erfolg. Die kommunistischen Propagandisten wollten aber auf keinen Fall auf das bequeme Bild des "bösen Deutschen" verzichten. Die Angst vor den "Kreuzrittern" aus dem "imperialistischen Westdeutschland" galt auch als Bindemittel zwischen der Staatsmacht und der in ihrer Mehrheit antikommunistischen Gesellschaft.

Für Scharfmacher war auch der Ort der Reue höchst umstritten. Gut zweieinhalb Jahre vorher, im März 1968, hatte der nationalkommunistische Flügel der Partei mit einer antisemitischen Hetzkampagne die letzten Holocaust-Überlebenden als "Zionisten" in die Emigration getrieben. Der Kniefall vor den Ghettohelden wirkte auf die Nationalisten um Innenminister Mieczyslaw Moczar wie ein rotes Tuch und war eine Geste "am falschen Ort und zur falschen Zeit".

Gomulka konnte seinen außenpolitischen Erfolg nicht lange genießen. Bereits eine Woche nach der Vertragsunterzeichnung wurde er nach Streiks polnischer Hafenarbeiter von seinen Politbüro-Genossen gestürzt. Zur Nummer eins stieg der Pragmatiker aus Oberschlesien, Edward Gierek, auf. Er war mehr an deutschen Krediten als an symbolischen Versöhnungsgesten interessiert.

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 wurde zunächst die Umarmung von Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki beim Gottesdienst in Kreisau zum Inbegriff des deutsch-polnischen Neuanfangs. Mit der Zeit rückte aber der Kniefall immer mehr in den Vordergrund. Seit zehn Jahren erinnert ein Gedenkstein an das Ereignis. In der Nähe des Denkmals entsteht nun, mit deutscher Hilfe, ein Museum für die Geschichte polnischer Juden – ein Projekt, das auch Brandt sicher begrüßen würde.

(dpa)