Von Steffen Honig

Der Südzipfel der ex-jugoslawischen Repu- bliken ähnelt politisch noch immer einem Glashaus. Und wer darin sitzt, sollte bekanntlich nicht mit Steinen schmeißen.

Bei der Parlamentswahl im Kosovo vor zwei Wochen bestand die Gefahr, dass ein ziemlich großer Steinberg zusammenkommen würde: Erstmals war die Bewegung "Vetevendosje" (Selbstbestimmung) angetreten. Mit der klaren Forderung, ein Großalbanien von der Adria bis zur serbischen Grenze zu schaffen – was einen Scherbenhaufen sondergleichen auf dem Westbalkan nach sich ziehen würde.

Selbst wenn tatsächlich – wie beklagt – in bis zu einem Viertel der Wahllokale die Ergebnisse zugunsten der siegreichen Demokratischen Partei (PDK) gefälscht wurden, käme die drittplatzierte Vetevendosje wohl auf nicht viel mehr als die offiziell ausgewiesenen 12 Prozent. Was zeigt, dass sich im Kosovo nur eine Minderheit offen zu einem Großalbanien bekennt.

In Umfragen vor der Wahl hatten allerdings rund 80 Prozent der Befragten mit einem Großalbanien sympathisiert. Der alte Traum von einem Land für alle Albaner – in Form eines Marionettenstaates zu Zeiten der faschistischen Besetzung schon einmal Realität – lebt nicht nur im Kosovo fort.

Von Skanderbeg bis Mutter Teresa

In Albanien selbst will der Präsident der Liste für Großalbanien, Koco Danaj, seine Landsleute für die pan-albaniische Idee begeistern. Die interessiert aber derzeit mehr die neue Visafreiheit für die Europäische Union.

Im benachbarten Mazedo- nien ist die Albaner-Frage – ob mit oder ohne Großstaat – ein Dauerbrenner. Von den rund zwei Millionen Einwohnern sind 64 Prozent ethnische Mazedonier, die größte Minderheit stellt mit 25 Prozent die albanische Bevölkerungsgruppe.

Für die Albaner gibt es über die Landesgrenzen hinweg zwei Symbolfiguren: den albanischen Nationalhelden Skanderbeg und die katholische Ordensgründerin Mutter Teresa. Nach Skanderbeg sind gleichermaßen zentrale Plätze in der albanischen Hauptstadt Tirana, der mazedonischen Metropole Skopje und in der Kosovo-Hauptstadt Pristina benannt.

Die "Mutter der Armen" steht für die wechselvolle Geschichte und die Zerrissenheit des Balkans: Sie wurde 1910 als Kind einer albanischen Familie noch im Osmanischen Reich geboren. In der Stadt, die von den Türken Üsküp genannt wurde, seit jugoslawischer Zeit wieder den historischen Namen Skopje trägt und Hauptstadt der Republik Mazedonien ist.

Daher beanspruchen auch die Mazedonier die 1997 verschiedene Mutter Teresa als eine Nationalheilige, was die Albaner heftig bestreiten.

Die mazedonische Regierung vereinnahmte Mutter Teresa auf ihre Weise: Vor knapp zwei Jahren wurde mitten in der Hauptstadt Skopje mit großem Pomp eine Gedenkstätte für Mutter Teresa eingeweiht – durch Ministerpräsident Nikola Gruewski persönlich.

Ein solcher Brückenschlag zwischen Mazedoniern und Albanern funktioniert in der Hauptstadt. Ansonsten ist das Land entlang der ethnischen Grenzen geteilt – erkennbar daran, ob das Landschaftsbild von Kirchen oder Moscheen geprägt ist. Albanisches Zentrum ist die Stadt Tetovo im Nordwesten Mazedoniens, vor knapp zehn Jahren Schauplatz von Kämpfen zwischen mazedonischem Militär und albanischen Rebellen. Nur ein Eingreifen der NATO verhinderte damals, dass Mazedonien in einen Bürgerkrieg abglitt.

Bis heute weht in Tetovo die rote Fahne mit dem albanischen Doppeladler statt des rot-gelben Sonnen-Banner Mazedoniens. Neben gemäßigten albanischen Kräften agieren hier radikal-nationalistische Organisationen wie die Demokratische Partei der Albaner. Deren Chef Menduh Thaci verlangt anstelle des mazedonischen Staates ein "internationales Protektorat".

Dass dies die Basis für eine Abspaltung des albanischen Gebietes Mazedoniens sein könnte, sagt Thaci nicht. Es liegt aber auf der Hand und könnte eine Etappe auf dem Weg nach Großalbanien sein. Die Albaner in Mazedonien hätten jedoch nur eine Brückenfunktion zwischen Alba- nien und dem Kosovo zu erfüllen.

Kosovo in einer Schlüsselrolle

Dem albanischen Kosovo hingegen kommt die Schlüsselrolle bei allen großalbanischen Ambitionen zu. Deren Protagonisten werden Rufer in der Wüste bleiben, wenn es gelingt, aus der ehemaligen serbischen Provinz einen funktionierenden Staat zu machen.

Ein richtungsweisendes Signal dafür sollten die ersten Parlamentswahlen seit der im Februar 2008 proklamierten Unabhängigkeit sein. Das ist ausgeblieben: Einerseits wegen des Betrugsverdachts gegen die PDK und andererseits wegen der Vorwürfe des Europarates gegen Regierungschef Hashim Thaci, früher bei der Organhandel-Mafia mitgemischt zu haben. Die nach wie vor desolate wirtschaftliche Lage – im Kosovo beträgt die Arbeitslosigkeit 40 Prozent – hinzugenommen, ist die Lage wenig hoffnungsvoll.

Wenn sich aber zwischen Kosovo und Serbien auf längere Sicht eine zumindest friedliche und womöglich produktive Nachbarschaft entwickelt, schmilzt auch der Raum für radikale Politik und Parolen zusammen. Dann bliebe Großalbanien das, was es ist: ein bizarres Luftschloss.

   

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