Von Helmut Reuter

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva war immer ein Mann des Volkes. Ein Teil seines Lebens wurde unter dem Titel "Lula, o filho do Brasil" (Lula, der Sohn Brasiliens) verfilmt. Im Mittelpunkt: Der lange Aufstieg aus allerärmsten Verhältnissen, die für den Ex-Gewerkschafter und dessen Politik prägend waren. Die Armutsbekämpfung stand stets oben auf seiner Agenda und daran will seine Nachfolgerin Dilma Rousseff nichts ändern. Die Bedingungen sind gut: Rousseff übernimmt das Amt in einem prosperierenden Land, das bis 2020 zu den fünf größten Wirtschaftsmächten vorstoßen will.

Ohne Lula wäre Rousseff der Wahlsieg im Oktober kaum gelungen. Lula schaffte es, seine Zustimmungswerte von über 80 Prozent auf seine Wunschnachfolgerin zu übertragen. In ihrem Kabinett scharte sie viele Weggefährten Lulas um sich, darunter Finanzminister Guido Mantega, der wie Lula und Rousseff der Arbeiterpartei PT angehört. Aber auch Verteidigungsminister Nelson Jobim von der alliierten PMDB gehört zur Regierungsmannschaft, ebenso wie der parteilose Ex-Botschafter Brasiliens in Washington, Antonio Patriota, als Außenminister.

Als Hauptverdienst wird Lula angerechnet, dass er den Armen durch gezielte Sozialpolitik, vor allem durch die "Bolsa Familia", einem Förderprogramm für Familien, die Teilhabe am Konsum ermöglichte und damit einen Eckpfeiler für das Wachstum setzte. Für den Erhalt der Leistung sind Schulbesuch der Kinder und Gesundheitsvorsorge Voraussetzung.

Etwa zwölf Millionen Familien kamen in den Genuss der "Bolsa Familia", die umgerechnet im Durchschnitt etwa 40 Euro beträgt. "Lula war der beste Präsident in Brasiliens Geschichte, weil er die Armut mit großer Hingabe bekämpfte", lobte der brasilianische Schriftsteller Paulo Lins, dessen Buch über eine Armensiedlung (Favela) in Rio, "Cidade de Deus" ("Die Stadt Gottes"), 2002 erfolgreich verfilmt wurde. "Ich wünsche mir von Herzen, dass die neue Präsidentin den Weg weiter geht und die soziale Arbeit der Vorgängerregierung vertieft."

Genau das hat Rousseff, Tochter eines bulgarischen Einwanderers, als Ziel gesetzt. "Ich nehme die Verpflichtung an, die Not und das Elend in diesem Land auszulöschen", sagte sie im Wahlkampf. Die 63-jährige Ökonomin braucht dazu vor allem Wirtschaftswachstum. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2010 um vermutlich 7,5 Prozent wachsen. Die gute Wirtschaftslage lockt Kapitalanleger. Die ausländischen Direktinvestitionen dürften sich in diesem Jahr auf über 30 Milliarden US-Dollar (etwa 23 Milliarden Euro) summieren.

Doch Brasilien muss sich auch unter Rousseff gegen eine Überbewertung der heimischen Real-Währung zum US-Dollar stemmen, der derzeit bei knapp unter 1,70 Reais liegt und damit nur etwa die Hälfte kostet als vor acht Jahren, als Lula sein Amt antrat.

Die neue Präsidentin verfügt nicht über das Charisma ihres Vorgängers. Sie muss sich deshalb bemühen, aus seinem Schatten herauszutreten, über dessen mögliches Comeback 2014 in Brasilien mit Vorliebe spekuliert wird. Rousseff will sich auch in Zukunft Rat von ihm holen. "Ich werde an seine (Lulas) Tür klopfen und bin sicher, dass ich sie immer offen finde."(dpa)