Von Wolfgang Schulz

Alle zehn Jahre leben die Menschen ein bis anderthalb Jahre länger. Das hat es noch nie in der Entwicklung der Menschheit gegeben. 75-Jährige haben heute eine Kondition wie 70-Jährige vor 30 Jahren. 80. Geburtstage und goldene Hochzeiten sind keine Ausnahmen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Bevölkerung stetig ab. Seit 1991 fehlt in Sachsen-Anhalt fast eine halbe Generation. Bis 2050 wird das Land rund 1,1 Millionen Einwohner weniger, dafür aber viel mehr ältere Menschen haben, wenn es so weiter geht wie bisher. Der demografische Wandel, d. h. die Veränderung der altersmäßigen Zusammensetzung der Bevölkerung, steht auf der Tagesordnung. Seit 1972 ist in Deutschland die Sterberate höher als die Geburtsrate. Müssen wir deshalb mit einer Weltuntergangsstimmung in die Zukunft blicken?

Das Problem sei nicht der demografische Wandel, sondern die demografische Ignoranz, sagt der deutsche Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg. Andere vergleichen das Phänomen des Geburtenrückgangs und der steigenden Lebenserwartung mit einem alpinen Gletscher, der sehr langsam rutscht, aber irgendwann mit aller Wucht losbricht.

Sachsen-Anhalt ignoriert weder den demografischen Wandel noch hat das Land Angst davor, die Auswirkungen der Bevölkerungsentwicklung nicht meistern zu können. Das machten Experten aus Politik, Gesundheitswesen und der Wirtschaft in der vergangenen Woche in einer von der AOK Sachsen-Anhalt initiierten Diskussionsrunde unter dem Motto "Gesundheitsstandort Sachsen-Anhalt – in die Zukunft investieren" deutlich.

"Der Prozess ist steuerbar", hatte zu Beginn des Forums im Magdeburger Herrenkrug-Hotel Prof. Volker Ulrich von der Universität Bayreuth behauptet und begründet, dass dafür "eine aktiv gestaltende Politik" notwendig sei. Ein ganz natürlicher Weg sei, dass wieder mehr Kinder geboren werden. Gegenwärtig liege die Geburtsrate bei 1,4 pro Frau, 2,0 wäre schon eine Hilfe. Voraussetzung dafür seien eine Politik, die mehr die Familie fördere, und die zunehmende Vereinbarkeit von Familie und Beruf. In Frankreich gebe es zum Beispiel im Steuerrecht das Familiensplitting, in Deutschland das Ehesplitting. Wer in Frankreich mehr Kinder hat, bezahlt weniger Steuern. "Eine Möglichkeiten von vielen", so Ulrich. Auch eine "vernüftige Zuwanderung" wäre ein Weg. Diejenigen, die in das Land kommen dürfen, müssten die Wirtschaft voranbringen. Zuwanderung löse das Problem nicht, würde aber helfen.

Problematisch im Zusammenhang mit der älter werdenden Gesellschaft sind die Kosten im Gesundheitswesen. Das hob nicht nur AOK-Chef Uwe Deh hervor. In der Mitte seines Lebens kostet ein Patient der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) rund 1000 Euro im Jahr. Ab dem 60. Lebensjahr steigen die Ausgaben beträchtlich. Für einen 80-Jährigen müssen rund 5000 Euro aufgebracht werden. In diesem Zusammenhang sollte auch in Deutschland offen und ehrlich darüber diskutiert werden, so Prof. Ulrich und in der anschließenden Diskussion auch Sachsen-Anhalts Gesundheitsminister Norbert Bischoff (SPD), ob sich die GKV alles leisten kann, was der medizinisch-technische Fortschritt ermöglicht. Manche Krebstherapie koste 50 bis 60000 Euro, verlängere das Leben jedoch nur um zwei Monate. "Dass wir älter werden, ist ein Segen", sagte Bischoff. Die Frage stehe aber im Raum, ob wir uns alles leisten können und müssen. Bischoff forderte zugleich mehr Mitspracherecht der Länder in der Gesundheitspolitik, die nicht allein durch den Bund bestimmt werden dürfe.

Landesentwicklungsminister Karl-Heinz Daehre (CDU) betonte, dass der demografische Wandel seit zehn Jahren Thema in Sachsen-Anhalt sei und schon viel unternommen worden sei, um die Daseinsvorsorge für die ältere Bevölkerung zu sichern. Im Zusammenhang mit der Abwanderung junger Leute zeigte Daehre kein Verständnis dafür, dass Tarifparteien zum Beispiel für Pflegekräfte unterschiedliche Stundenlöhne in Ost und West vereinbarten. "Warum gibt es im Westen 8,50 Euro pro Stunde, im Osten aber einen Euro weniger?", fragte er.

Medizinische Versorgung auf dem Land, Vernetzung von stationärer und ambulanter Betreuung, Beschäftigungsangebote für Ältere waren weitere Themen, die auch künftig in der Diskussion um den demografischen Wandel eine Rolle spielen werden.