Von Monika Wendel

Allenfalls in einem Punkt scheint sich die Politik einig: Radioaktiver Atommüll aus Kernkraftwerken muss im eigenen Land entsorgt werden. Ein Export ist für alle Parteien tabu. Dennoch birgt die Frage, wohin mit dem nuklearen Schrott, einen schon seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt. Niedersachsen steckt dabei in einem besonderen Dilemma: Das Bundesland – besonders reich an Salzstöcken – trägt mit gleich mehreren Entsorgungs-Projekten die größten Lasten aus der umstrittenen Nutzung der Atomenergie in Deutschland.

Ministerpräsident David McAllister (CDU) schielt jetzt vor allem auf einen finanziellen Ausgleich für das Bundesland. Auch der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) betont, die Landesregierung setze sich intensiv dafür ein, dass diese Zusage der Bundesregierung zügig realisiert werde. Um wieviel Geld es gehen soll, war bislang aber unklar.

Die Opposition fordert Regierungschef McAllister dagegen auf, er müsse sich klar gegen ein Endlager im Salzstock in Gorleben (Kreis Lüchow-Dannenberg) stellen. Die Christdemokraten in Hannover reagieren aber stattdessen vor allem auf forsche Töne aus Süddeutschland. Parteifreunde in Bayern oder Baden-Württemberg, die sich allzu deutlich schon auf Gorleben festlegen wollen, bekommen brüsk zur Antwort, sie sollten sich in ihren eigenen Ländern nach geeigneten Endlager-Standorten umsehen.

Klagewellen und schwere Pannen im Umgang mit den strahlenden Stoffen schüren immer neues Misstrauen bei den Bürgern in Niedersachsen. "Die Bevölkerung lässt sich in der Atomfrage nicht mehr einlullen", so die Bürgerinitiative im Wendland.

Klar ist, dass vor allem der hoch radioaktive Abfall erst einmal zum Abkühlen gelagert werden muss, bevor er dauerhaft unter der Erde entsorgt werden kann. Ein zentraler Ort dafür ist das Zwischenlager Gorleben im niedersächsischen Wendland.

Dort soll am kommenden Wochenende der zwölfte Castor-Transport mit verglastem Atommüll eintreffen – trotz des breiten Protests von Atomkraftgegnern, Politikern, Kirchen und Gewerkschaften. Mehr als 10 000 Polizisten allein in Niedersachsen sollen die brisante Fracht sichern.

Die abgelegene Region an der Elbe ist seit mehr als 30 Jahren ein Symbol für den Widerstand gegen die Atomindustrie – derzeit umso mehr, weil der Salzstock Gorleben gleich neben dem oberirdischen Zwischenlager wieder als mögliches Endlager infrage kommt. In den 70er Jahren war Gorleben ein äußerst strukturschwacher Ort an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die nur schwach bewohnte Gegend sollte von der Entsorgungsstätte industriepolitisch profitieren.

Für Grüne, SPD, Linke und viele Atomkraftgegner ist der Salzstock aber geologisch ungeeignet. Sie verweisen auf das Desaster im einsturzgefährdeten Atommülllager Asse bei Wolfenbüttel – es handelt sich um Salzgestein wie in Gorleben. Die Politik scheint sich nach Jahrzehnten auch einig, dass im instabilen Asse-Schacht nie Atommüll hätte gelagert werden dürfen – in den sechziger Jahren war die Grube aber schnell und günstig zu erwerben.

Jetzt sollen in einem weltweit einmaligen Vorhaben die 126 000 Fässer mit schwach und mittel radioaktiven Abfällen wieder herausgeholt werden – ein Wettlauf gegen die Zeit, weil der Schacht abzusaufen droht. Solche Probleme sind im Schacht Konrad nicht bekannt: Das Eisenerzbergwerk in Salzgitter wurde als Endlager ausgewählt, weil es als besonders trocken galt. Jetzt könnte sich der Betrieb des dringend benötigten Atomlagers, das nach einer Klageflut genehmigt wurde, um mehrere Jahre bis 2019 verzögern.

Die Endlager-Suche als eines der schwierigsten Zukunftsprojekte in Deutschland spaltet die Parteien und treibt zunehmend mehr Menschen auf die Straße. Sie fordern einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie. Dazu wollen zehntausende Demonstranten am Sonnabend im Wendland zusammenkommen – so viele wie nie zuvor.

Etliche Politiker – auch von der CDU – werden dabei sein. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) wird der Region seinen Antrittsbesuch aber wohl erst nach dem Castor-Transport abstatten. Der Protest wird dann noch nicht vorbei sein – Kirchen und Anwohner wehren sich mit Klagen gegen die von der schwarz-gelben Bundesregierung wieder aufgenommene Endlager-Untersuchung im Salzstock Gorleben. (dpa)