Von Steffen Honig

Die Affäre um die fundamentalistische katholische Pius-Bruderschaft aus dem Vorjahr ist noch in frischer Erinnerung. Der Vatikan, an dessen Spitze Papst Benedikt XVI. steht, tat sich äußerst schwer in Umgang oder gar Ahndung der Holocaust-Leugnung des Bischofes Richard Williamson.

Für den ausgewiesenen Vatikan-Kenner Hanspeter Oschwald, früher unter anderem Auslandschef beim "Focus", ist das nicht verwunderlich, sondern lediglich ein Indiz für die wachsende Rolle des katholischen Fundamentalismus auf die Kirchenführung in Rom. In seinem neuen Buch "Im Namen des Heiligen Vaters" analysiert er diese Wechselbeziehung.

Wenn es nur die Pius-Brüder wären. Doch da ist ein ganzer Reigen von Organisationen, Gruppierungen und sektenähnlichen Zusammenschlüssen, die ihr Verständnis von kirchlicher Lehre durchsetzen wollen. Mit dem Ziel, die katholische Kirche "letzten Endes ganz nach ihren Vorstellungen zu prägen", konstatiert der Autor und folgert: "Der Weg von der Volkskirche zur Sekte ist also vorgezeichnet."

Oschwald seziert auf knapp 400 Seiten die fundamentalistischen Vereinigungen, ihre Geschichte, ihren Aufbau und ihre Erfolge. Er bedient sich dabei zahlreicher Quellen, was bei der Komplexität des Themas unverzichtbar ist.

Verdeutlicht wird ein ähnliches Schema bei der Entwicklung dieser Gruppierungen: In der Regel von einem oder mehreren Gläubigen gegründet und in streng konservativem Geiste straff geführt, werden Netzwerke gebildet, die der Organisation nach und nach mehr Einfluss verschaffen.

So sind das Opus Dei, gegründet 1928 in Spanien, die Legionäre Christi, 1941 in Mexiko entstanden, oder die Katholische Integrierte Gemeinde, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entwickelt hat, zu wichtigen Machtfaktoren in der Kirchenhierarchie geworden. Obwohl untereinander nicht verknüpft, sind sie allesamt Kämpfer für den traditionellen Katholizismus.

Sie halten eisern an althergebrachten Glaubensritualen fest, verteidigen den Zölibat und wettern gegen Geburtenkontrolle sowie die Gleichberechtigung der Frau. Homosexualität wird verdammt und verdrängt, obwohl nicht zuletzt die Missbrauchsskandale gezeigt haben, dass sich die Kirche dem dringend widmen müsste.

Im Vatikan eine entscheidende Rolle zu spielen, wäre allerdings unmöglich, wenn die Kirchenoberen sich sperrten. Bei Benedikt XVI., der möglicherweise im kommenden Jahr zu einem offiziellen Besuch in seine Heimat Deutschland kommt, und seinen engsten Beratern, Papstsekretär Georg Gänswein und Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, rennen Verfechter des konservativen Geistes jedoch offene Türen ein. Entsprechend fällt Oschwalds Einschätzung der bisherigen Amtszeit Joseph Ratzingers aus. Der Autor meint, "die Restauration der alten Kirche, die ihm und seiner Entourage so sehr am Herzen liegt, hat sein Ansehen in einem Tempo ruiniert, das im Wir-sind-Papst-Deutschland niemand für möglich gehalten hätte."

Oschwald lässt dagegen keinen Zweifel an seiner liberalen Position. Er tritt für einen modernen Katholizismus ein, der sich auf die Sorgen der Menschen konzentriert und nicht auf angestaubte Lehrmeinungen, die den Geist vergangener Jahrhunderte atmen. Dies würde zwingend Reformen im Vatikan und der katholischen Kirche bedingen, die nicht in Sicht sind.

Der Autor leidet mit seiner Kirche, die seiner Meinung nach den Weg verlassen hat, den das Zweite Vatikanische Konzil zu Beginn der 1960er Jahre vorgegeben hatte. Statt Aufbruch die Rückkehr ins Mittelalter? Das sind bedenkliche Tendenzen, die sich nicht im Dickicht von Vermutungen verlieren, sondern durch dieses Buch belegt werden.