Vor 50 Jahren begann die wohl größte und eindrucksvollste Karriere der Sportgeschichte überhaupt. Am 29. Oktober 1960 bestritt ein gewisser Cassius Marcellus Clay in der Freedom Hall von Louisville, US-Bundesstaat Kentucky, seinen ersten Profikampf als Boxer. Dass er dabei seinen Gegner Tommy Hun- sacker, im Hauptberuf Polizeichef von Fayetteville, keine Chance ließ, ist heute, wenn überhaupt, nur noch von marginaler Bedeutung.

Für Furore hatte der Name Cassius Clay allerdings schon ein Vierteljahr zuvor gesorgt. Im Halbschwergewicht gewann ein bis dato unbekannter Schwarzer aus den USA bei den Olympischen Spielen in Rom in unvergleichlichem Stil die Goldmedaille.

Es kommt mir heute so vor, als läge das alles erst ein paar Monate zurück, und eben nicht mehr als 50 Jahre. Der Fernsehapparat meiner Eltern, ein "Staßfurt" übrigens, war nach unendlich langer Anmeldezeit gerade noch rechtzeitig vor Olympia geliefert worden. Nun also zwei Wochen Sport pur. Doch so sehr eine Ingrid Krämer oder ein Abebe Bikila jene Tage von Rom mit ihren unvergesslichen Triumphen auch geprägt haben mögen, in Erinnerung ist mir vor allem jener Cassius Clay geblieben.

Was der 18-Jährige, neben den von ihm erstmals eingeführten neuen Show-Elementen, im Seilquadrat veranstaltete, grenzte schon an ein kleines Wunder. Mit knapp 90 Kilogramm tanzte, nein schwebte der wie ein Federgewichtler durch den Ring. Beinarbeit, Schlagfrequenz, Schlagvariabilität und vor allem Meidbewegungen hatten mit dem, was bis dahin bei den "schweren Jungs" zu sehen gewesen war, nichts mehr zu tun. Dieser Clay war ein Naturwunder.

"Für den Idealismus der sechziger Jahre"

Das erkannten auch die Chefs der amerikanischen Preisboxer ganz schnell. Unmittelbar nach dem Goldtriumph wurde Clay, wie in den USA üblich, Profi. Nachdem er eine Reihe von Aufbaugegnern regelrecht lächerlich gemacht hatte, indem er vor den Kämpfen die Runde ansagte, in der das Aus für sein Gegenüber kommen werde und mit lockeren Sprüchen oder Reimen ("Archie Moore will be on the floor in round four" – Archie Moore wird in der 4. Runde am Boden liegen) für Aufsehen gesorgt hatte, begann jene Zeit, in der Menschen aller Kulturen rund um den Erdball zu nachtschlafener Zeit zum TV-Gerät taumelten, um Clays (der sich nun den Beinamen "The Greatest" zugelegt hatte) insgesamt acht Titelverteidigungen mitzuerleben.

Einmal, ich glaube, es war der erste Liston-Kampf, sind wir fast eine Stunde zu spät zur Schule gekommen, weil sich die Übertragung bis in die frühen Morgenstunden hingezogen hatte. Wir haben dann etwas von Timur-Trupp gefaselt, davon, einer alten hilflosen Frau unter die Arme gegriffen zu haben – unser Englischlehrer nickte nur verständnisvoll.

Auch wenn seinerzeit viele Hintergründe nicht bekannt waren, eines spürten wir: Dieser Cassius Clay war nicht nur ein genialer Boxer und ein virtuoser Clown, nein, dieser Cassius Clay war auch ein durch und durch politischer Mensch. Wenn er in den Ring kletterte, ging es um mehr als Schläge. Da verteidigte einer, wie einst der "Spiegel" schrieb, "mit seinen Fäusten den Idealismus der sechziger Jahre, da kämpfte einer gegen Rassismus, gegen einen erbarmungslosen Krieg in Vietnam". Da stand, metaphernhaft, das Gute gegen das Böse auf, Arm gegen Reich, Schwarz gegen Weiß.

Recht schnell hatte Clay nämlich begriffen, dass er als Nachfahre von Sklaven in den USA der sechziger Jahren nicht viel vom Leben zu erwarten hatte. Eines seiner Schlüsselerlebnisse: Nachdem er 1960 aus Rom in die Heimat zurückgekehrt war, ging er, die Goldmedaille noch um den Hals, in ein Hamburger-Lokal, um einen Saft zu bestellen. Die Antwort: "Nur für Weiße."

Clay war nicht bereit, das hinzunehmen. Er begann, sich Stück für Stück von der herrschenden Ordnung loszusagen. 1964 wechselte er die Religion, konvertierte zu den "Black Muslims", einer obskuren Kirchengemeinschaft, die es vor allem auf Clays Geld und dessen Ruhm abgesehen hatte. Zugleich legte er sich einen neuen Namen zu und nannte sich fortan Muhammad Ali. Cassius Clay, ließ er alle wissen, sei nichts als ein "Sklavenname".

Das Establishment lief Amok. Einer ihrer größten Sport-Heroen und Medienstars hatte dem System offen den Kampf angesagt.

"Habe keinen Ärger mit dem Vietcong"

Alle halbherzigen Versöhnungsversuche scheiterten – Ali wollte keinen Kompromiss mit den Weißen. Er wollte einen schwarzen Staat. "I am black and I am beautiful", wiederholte er immerfort.

Mit dem nächsten Schritt, einer sporthistorischen Tat, riskierte er dann die öffentliche Hinrichtung. Als er sich 1967 weigerte, mit der Waffe in den Vietnamkrieg der USA zu ziehen, wird er zu fünf Jahren Haft verurteilt, Boxlizenz und Reisepass werden ihm abgenommen, sein Weltmeistergürtel wird einkassiert. Eine Kaution erspart ihm zumindest das Gefängnis.

Der vielleicht wichtigste politische Ausspruch Alis fällt in jenen Tagen. "Mann", fuhr er einen Reporter an, "ich habe keinen Ärger mit dem Vietcong."

Nach dreieinhalbjähriger Unterbrechung durfte Ali dann wieder in den Ring. Doch diese Pause hatte ihre Spuren hinterlassen. Der berühmte Kampfstil ("Float like a butterfly, sting like a bee", schwebe wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene) hatte das Tänzerische, das Virtuose verloren. Das Alter hatte ihm die Schnelligkeit geraubt. Gegen Spitzenleute musste er deren Schlagwechsel annehmen. Er verlor gegen Joe Frazier, erlitt gegen Ken Norton einen Kieferbruch.

Doch er kam wieder.

Er boxte jetzt (fast) wie die anderen, aber, mit dem Rest seiner Ausnahmeklasse, im berühmtesten "Rumble in the Jungle" in Kinshasa gegen George Foreman immer noch besser als die.

1975 revanchierte er sich im "Thrilla von Manila" an Frazier. In 66 Ländern saßen 700 Millionen Menschen vor den Bildschirmen. Frazier stand nach der Ringpause zur 15. Runde nicht mehr auf. Hätte der das nicht getan, wäre wahrscheinlich Ali sitzen geblieben. Später sprach er von "Todesnähe".

Ali war nun endgültig zum Helden des neuen Amerika geworden.

Doch es gab, leider, noch eine dritte Phase im Boxerleben des Muhammad Ali. Bereits damals trug er, soviel glaubt man heute zu wissen, schon jene heimtückische Nerven-Krankheit in sich, mit der er sich seit nunmehr fast drei Jahrzehnten quält: das Parkinsonsche Syndrom. 1978 demolierte der 24-jährige Leon Spinks den zwölf Jahre älteren Ali.

"Danke für den Mut, den er mir gab"

Aber der konnte und wollte einfach nicht vom Boxen lassen. Zwei Jahre später forderte er Larry Holmes, der inzwischen den WM-Gürtel trug, heraus. Mit fatalen Folgen. Er wurde von Holmes fast totgeschlagen. Der Sieger, einst ein Sparringspartner des Meisters, war darüber untröstlich: "Ich bin stolzer darauf, mit ihm trainiert zu haben als er jung war, als ihn jetzt im Alter geschlagen zu haben."

Vergessen wir Alis allerletzten Fight, als er auf den Bahamas von Trevor Berbick nach Strich und Faden verprügelt wurde. Anschließend soll er zu seiner weinenden Tochter in der Kabine gesagt haben: "Heul‘ nicht, es hätte viel schlimmer kommen können."

Was bleibt, ist ein Mann, der mit seinen Waffen, den gepolsterten Handschuhen aus Leder, für mehr Gerechtigkeit in einem ungerechten Land focht; ein Mann, den Menschen wie Nelson Mandela ("Ali ist mein Held. Ich danke ihm für den Mut, den er mir gegeben hat") und der Dalai Lama zu ihren engsten Freunden zählen.

Während andere wie Martin Luther King, John F. Kennedy oder Malcolm X ihren Einsatz für ein anderes, besseres Amerika mit dem Leben bezahlten, überlebte Ali. Nichts, selbst Parkinson nicht, scheint diesen Mann einschüchtern zu können. Obwohl ihm die Krankheit das wichtigste Mittel nahm, nämliche seine Athletik und seine Sprache, seinen hintergründigen Humor hat er bewahrt. Einmal, als er vor dem allmächtigen Breschnew stand, sagte er schelmisch lächelnd über ihn: "Er ist gar nicht so dumm, wie er aussieht."

Nicht nur wegen der veränderten Zeitläufe: Es ist zu bezweifeln, ob heutige und künftige Sportlergenerationen je wieder eine derart starke Persönlichkeit hervorbringen werden, wie Muhammad Ali es war – und immer noch ist.