David Cameron hat es gut gemeint. Mit seinem Boykott einer EU-Vertragsänderung am vergangenen Freitag wollte er den Anti-EU-Scharfmachern in der eigenen konservativen Partei den Wind aus den Segeln nehmen. Gleichzeitig wollte er das Wichtigste schützen, was die britische Wirtschaft aufzubieten hat: Die City of London, das größte Finanzzentrum Europas, wenn nicht der Welt, das Herz der Handelsnation Großbritannien.

Als Cameron von Brüssel über den Ärmelkanal nach Hause auf die Insel kam, wurde er in manchen Gazetten noch als "Held" gefeiert, der den Eurokraten in Brüssel und den "Euro-Versagern" in Berlin und Paris die Stirn bot.

Zu Wochenbeginn, als sich der in Brüssel aufgewirbelte Staub etwas gesetzt hatte, wurde klar: Cameron hat wohl seinem Land - und auch sich selbst - einen Bärendienst erwiesen. Von "Isolation" war plötzlich die Rede. Der Jubel verhallte allmählich und von außen und innen hagelte es stattdessen Kritik. Sie richtete sich sowohl gegen die Verhandlungstaktik als auch gegen die inhaltliche Strategie. Kurios: Sogar die City-Bosse, die Cameron eigentlich schützen wollte, wetterten gegen den Regierungschef, der sich im Parlament verteidigte.

In Schottland und Wales schimpften die Regionalpolitiker aus Angst um ihre Absatzmärkte in Europa. Nick Clegg, Camerons Vize-Premier und Chef des liberaldemokratischen Koalitionspartners, nannte Camerons Verhandlungsergebnis "schlecht für Großbritannien". Der Gipfel in Brüssel sei enttäuschend gewesen. Der Debatte im Parlament blieb Clegg wohl eher aus taktischen Gründen fern.

Am deutlichsten zu hören im Chor der internationalen Kritiker war EU-Währungskommissar Olli Rehn. "Falls das Manöver dazu diente, Banker und Finanzinstitutionen der (Londoner) City von der Finanzregulierung zu verschonen: Das wird nicht passieren", sagte der Finne mit Blick auf Cameron. Dieser selbst beeilte sich am Montag erkennbar, zurückzurudern. Selbstverständlich bleibe Großbritannien weiterhin Vollmitglied in der EU. Und Großbritannien wolle ja in Wahrheit noch viel strengere Finanzmarktregeln als der Rest der EU, sagte Cameron im Parlament. .

Cameron hatte in Brüssel einen allzu leicht durchschaubaren Kuhhandel versucht. Seine Zustimmung zu den Vertragsänderungen wollte er sich mit Schutzklauseln für die City bezahlen lassen. So sollte jegliche Finanzmarktregulierung im Kreis der 27 EU-Staaten künftig nur noch einstimmig beschlossen werden können - bisher reicht eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Frankreich und Deutschland spielten nicht mit. Cameron boykottierte somit die Vertragsänderungen.

Das Dumme für ihn: Selbst wenn er inhaltlich recht behalten sollte - erreicht hat er damit nichts. Zwar hat Cameron zunächst einmal die Finanztransaktionssteuer für seine City-Banken abgebogen - in der Hoffnung, dies sichert Arbeitsplätze. Doch in London geht niemand davon aus, dass dies im Ergebnis so bleibt. Mit Zwei-Drittel-Mehrheit können die 26 übrigen EU-Mitglieder ähnliche Instrumente einführen, die nicht Steuer heißen.

Unter den weit über 1000 Geldhäusern in der Londoner City ist ein Großteil nicht in britischer Hand. Allein aus Deutschland und Frankreich haben sich mehr als 100 Finanzinstitute an der Themse angesiedelt. "Die nationalen Regierungen werden sie auf die eine oder andere Weise drankriegen", sagte ein Sprecher der Britischen Banken-Vereinigung.

Oppositionschef Ed Miliband fragte Cameron im Parlament deshalb, warum er nicht den Schulterschluss mit anderen Nicht-Euro-Ländern gesucht habe. Und warum er die britischen Forderungen erst mitten in der Nacht auf den Tisch gelegt habe, wo schon kaum noch etwas zu machen war. "Er hat seinen Platz am Tisch aufgegeben", beschuldigte er Cameron.

Londons Bürgermeister Boris Johnson schaut schon in eine andere Richtung: London sei jetzt die Hauptstadt der BRIC-Staaten - Brasilien, Indien, China. (dpa)