Christian Lindner geht, Patrick Döhring kommt - vielleicht. Das war noch nicht alles. Lindners Rücktritt als FDP-Generalsekretär dürfte die Ansage eines größeren Stühlerückens in der FDP-Spitze sein. Eine Station dieser "Reise nach Jerusalem" ist das Dreikönigstreffen der Liberalen am 6. Januar.

Spätestens dort muss Philipp Rösler - um als Parteichef zu überleben - mehr Profil zeigen. Überhaupt solle er "identifizierbare Kernbotschaften überzeugend und vernehmlich vortragen". So formuliert es der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki, der sich im Mai 2012 Landtagswahlen stellen muss. Und es sieht nicht so aus, als würde im Norden eine Negativserie gebrochen. Hat doch die FDP in diesem Jahr noch jede Landtagswahl vergeigt.

Ein vorlauter Parteichef

Den Liberalen geht es schlecht. Aus Wählersicht kann man auf sie verzichten. Solche miesen Umfragewerte hat die Partei nicht erst, seitdem Rebellen durchgesetzt haben, die Mitgliedschaft zu befragen, ob angesichts der Schuldenkrise der Euro wirklich unter allen Umständen gerettet werden müsse. Morgen soll das Ergebnis, das Rösler schon mal vorweggenommen hatte, verkündet werden.

Ein vorlauter Parteichef und ein der Parteispitze höchst unangenehmer Mitgliederentscheid können höchstens Anlass für den Rücktritt des 32-jährigen Generalsekretärs gewesen sein. Es hat auch etwas mit diesen jungen Persönlichkeiten, die spöttisch auch "Boygroup" genannt werden, zu tun. Mit Unerfahrenheit und Selbstüberschätzung und damit, dass das Politik-Geschäft durchaus auch in Schlangengruben stattfindet. So ist Lindners Rücktritt auch ein Abgang eines talentierten jungen Mannes, der sich auf der politischen Bühne verschliss, statt sich mehr Zeit zum Reifen zu gönnen.

Die Ursachen für die langsame Auflösung der liberalen Boygroup Rösler (38) /Lindner (32) /Daniel Bahr (35/Bundesgesundheitsminister) liegen schon vor der Zeit des Parteitags im Mai, auf dem sie ein bisschen gegen Parteichef Guido Westerwelle und den damaligen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle putschten. Die Rolle als Steuersenkungspartei für Gutverdiener kaufte den Liberalen keiner mehr ab. Und die geschwätzige Geringschätzung sozial Schwacher als "spätrömische Dekadenz" vermittelte weithin ein Gefühl sozialer Kälte.

So nahm sich Rösler das Amt des Parteichefs. Als solcher versprach er eine Rückkehr zu jenen Zeiten, in denen liberales Denken noch ein Konzept für eine freie Gesellschaft war.

Koordinaten liberaler Politik beschrieb Lindner am 9. Mai in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": Marktwirtschaftliche Ordnung und Bürgersouveränität, Fairness und Emanzipation, Rechtsstaatlichkeit und Subsidiarität, dazu soziale und ökologische Verantwortung. Liberalismus, heißt es da "verbündet sich nicht mit den Inhabern von Markt- oder Meinungsmacht, sondern ergreift Partei für die Chancen der Abweichler, Einsteiger und Machtlosen". Ein großes Ziel.

Für die Überzeugungen des politischen Liberalismus wolle er weiter kämpfen, sagt Lindner in seiner Rücktrittserklärung. Vermutlich ist ihm das als Generalsekretär der FDP schwerer gefallen.

Im Grunde hatte der Parteitag im Mai eine gute Gelegenheit geboten, die Monstranz der Entstaatlichung nicht mehr länger vor sich herzutragen. Dahinter wollten in Zeiten der Euro- und Schuldenkrise nicht mehr viele hinterhertraben. Die Leute sahen nämlich, dass die Politik mit ihren Entscheidungen den Marktkräften hinterherlief. Wer aber will sich machtlos entfesselten Märkten unterwerfen?

Diese Krise hätte die Chance für die FDP sein könne, sich daran zu erinnern, was für eine Partei sie einmal gewesen ist. War denn nicht die Zeit gekommen, den Markt zu ordnen? Hatten dies nicht einst liberale Denker für ihre ureigene Angelegenheit gehalten?

Daran hätte Röslers Boygroup schon im Mai anknüpfen können. Tatsächlich versprach sie Neues, doch ihre Partei hat permanent Probleme mit neuen Ideen. Die FDP blieb Konzeptionelles schuldig in der Debatte darüber, wie eine Krise, wie wir sie jetzt erleben, künftig zu vermeiden ist. Bezeichnend ist, dass Rösler, der im Frühjahr noch mit dem Image der Steuersenkungspartei aufräumen wollte, im Herbst Steuerentlastungen forderte. Es festigte sich der Eindruck, diese Partei wisse nicht, was sie wolle. Mehr noch: Weil ihr nichts Neues einfällt, singt sie alte Lieder.

Am Rande des Parketts

Auf dem Sonderparteitag im November redete Rösler von einer klugen Regulierung der Finanzmärkte. Mehr Klarheit darüber, wohin die FDP-Führung will, brachte aber ein Brief, den Rösler an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) geschrieben hatte. Darin schlägt er einen Sieben-Punkte-Plan vor, um die Finanzmärkte besser unter Kontrolle zu halten. Er plädierte unter anderem dafür, Regelungslücken bei "Schattenbanken" zu schließen und für mehr Transparenz und Risikoverringerung im Derivatehandel. Auch solle "die Allgemeinheit nicht noch einmal für Verluste aus Finanzgeschäften einzelner Finanzmarktakteure" aufkommen, zitierte der "Spiegel" aus dem Schreiben.

Da wird deutlich, dass Rösler seine Partei aus der Schmalspur der Steuersenkung herausführen will. Nur kommen seine Vorschläge spät, zudem gehen sie unter im Trubel um den Mitgliederentscheid, der Rösler veranlasst, zu beteuern, seine Partei sei eine europäische Partei. Beim Euro-Krisenmanagement aber geben andere den Ton an. Die FDP steht am Rande des politischen Parketts und spielt Reise nach Jerusalem.