Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat angesichts der jüngsten Enthüllungen um die Zwickauer Terrorzelle die Senioren im Land aufgefordert, sich gemeinsam gegen Rechtsextremismus einzusetzen. "Wir alten Säcke müssen uns mehr engagieren", forderte der 68-Jährige kürzlich auf einer Podiumsdiskussion im Magdeburger Roncalli-Haus. Er sei "erstaunt über das Erstaunen der Älteren über die Gewaltbereitschaft der Rechten", so Thierse.

Fremdenfeindlichkeit und nationalistisches Gedankengut sind vielen Senioren fremd - doch nicht allen, weiß Sozialwissenschaftler Peter-Georg Albrecht von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Bereits 2010 hatte die Studie "Die Mitte in der Krise" ergeben, dass rechtsextremistisches Gedankengut bei der Generation 60+ auf dem Vormarsch ist. Aussagen wie "Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in gefährlichem Maß überfremdet" stimmte beinahe ein Drittel der Befragten aus dieser Altersgruppe zu. Bei den 14- bis 30-Jährigen ist nur jeder Fünfte dieser Auffassung. Ob Befürwortung einer Diktatur, Chauvinismus ("Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht"), Antisemitismus oder Verharmlosung des Nationalsozialismus - die Älteren wiesen durch die Bank höhere Zustimmungswerte auf. Peter-Georg Albrecht wollte es deshalb genauer wissen und interviewte 28 Frauen und Männer zwischen 60 und 80 Jahren aus allen gesellschaftlichen Bereichen zum Thema Rechtsextremismus. "Lebenserfahrung macht nicht weiser", musste auch er feststellen. Über 60-Jährige seien genauso, vielfach noch rechtsextremer eingestellt als junge Menschen. Der Rest stehe dem gegenwärtig offenkundigen Phänomen weitgehend sprachlos gegenüber und gehe davon aus, es handele sich um wenige Einzelfälle. Obwohl die Eltern und ältere Verwandte der Befragten den Nationalsozialismus noch selbst erlebt haben, wurde das Thema nach dem Krieg in den Familien offenbar weitgehend totgeschwiegen. Das räche sich nun. Als Einstiegsthema unterschwellig oder offensichtlich rechts eingestellter Senioren diene immer die Kritik an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnissen, stellte Albrecht fest. "Falten sind aber kein Grund, abseits zu stehen", erklärt der Wissenschaftler.

Zwar hätten Senioren insgesamt kaum Erfahrungen mit Zivilcourage und wechselten in brenzligen Situationen lieber mal den Straßenbahnwagen. Viele sind aber humanistisch geprägt und engagieren sich gemeinsam mit anderen. "Darauf kann man aufbauen", findet Peter-Georg Albrecht. Darüber sprechen und in der Gruppe handeln, empfiehlt er den Senioren. Wolfgang Thierse, der sich selbst auch mit kontroversen Aktionen gegen Rechts engagiert, beobachtet in Kleinstädten eine "Atmosphäre der Angst". Viele, vor allem ostdeutsche Senioren seien autoritär geprägt und der Ansicht, "der Staat muss es richten". Vergeblichkeitserfahrungen und die Resignation des Alters führten zusätzlich dazu, dass sich weniger Alte engagieren. "Aber Demokratie geht uns alle an", appellierte Thierse an die Senioren. Reale demokratische Politik sei eben immer ein Aushandlungsprozess, kein hemdsärmeliges Anpacken. Für Ältere sei das oft unbefriedigend.

Timo Reinfrank von der Berliner Amadeu-Antonio-Stiftung sieht Senioren nicht unbedingt als Demonstranten auf der Straße. "Es ist vollkommen verständlich, dass sie davor Angst haben", findet er. Wohl aber könnten sie durch ehrenamtliches Engagement in Vereinen die Gesellschaft stärken. Außerdem haben sie für viele Jüngere einen Status als moralische Instanz. "Darauf sollten sie pochen", so Reinfrank.