Von der Atombombe über die Antibabypille bis zur Stammzellenforschung - immer wieder geraten wissenschaftliche Leistungen in Konflikt mit unserem ethischen Bewertungssystem. Professor Dr. Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, fordert in einem Gespräch mit Volksstimme-Autorin Ute Semkat von den Wissenschaftlern ein selbstkritisches Nachdenken über die Folgen von Forschung.

Volksstimme: Herr Professor Hacker, sollte es Dinge geben, die besser unerforscht bleiben?

Prof. Jörg Hacker: Nein. Die Grundlagenforschung soll sich mit den Themen beschäftigen können, die aus der Forschung heraus kommen. Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker hat das sinngemäß einmal so formuliert: Wenn man in der Wissenschaft eine Tür aufstößt, dann sieht man sieben neue Türen, in die man hineingehen muss. Aber in der Anwendung gibt es dann Bereiche, in denen nicht geforscht werden sollte.

Nehmen wir mein engeres Gebiet, die Forschung an Infektionskrankheiten: Natürlich muss die Wissenschaft die molekularen Mechanismen aufklären, um wirksame Therapien zu entwickeln. Aber wenn man aus derselben Forschung Trägersubstanzen für biologische Waffen entwickeln wollte, muss ich das ablehnen.

Volksstimme: Bei Massenvernichtungswaffen ist die ethische Bewertung eindeutig. Aber gibt es generell eine Grenze für den Forscherdrang?

Prof. Hacker: Es gibt natürlich eine Grundorientierung. Die Religion spricht von der Wahrung der Schöpfung. Und das Grundgesetz Artikel 1 sagt: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Religion und säkulare Bestimmung sind gar nicht so weit auseinander.

An diesen Leitlinien muss man die konkreten Beispiele messen, und das kann zu unterschiedlichen Bewertungen führen. Zum Beispiel bei der Präimplantationstechnik (PID) gab es auch innerhalb der evangelischen Kirche ein relativ breites Meinungsspektrum.

Wir haben als Leopoldina die PID befürwortet. Eine Grenzüberschreitung sehe ich als Mikrobiologe dagegen zum Beispiel darin, wenn Forscher Gene in die Keimbahn des Menschen einbringen.

Volksstimme: Zum Verständnis: Die in Deutschland verbotene Keimbahntherapie will Erbkrankheiten heilen, die auf einem Gendefekt beruhen, indem in die Keimzellen des Trägers ein gesundes Gen eingesetzt wird. Herr Professor Hacker, sollte aber nicht alles von der Forschung Leistbare genutzt werden, um Krankheiten zu verhindern?

Prof. Hacker: Grundsätzlich gehe ich mit, dass Forschung gegen Krankheiten weitgehend ungehindert möglich sein sollte. Aber speziell über die Keimbahntherapie wissen wir viel zu wenig. Ein fremdes Gen in der menschlichen Keimbahn ist nicht wieder rückholbar. Die übergroße Mehrheit der Wissenschaftler auf diesem Gebiet sieht das so wie ich, aber es gibt zum Beispiel in angelsächsischen Ländern auch andere Auffassungen.

Volksstimme: Sind wir Deutschen zu skeptisch?

Prof. Hacker: Also bei den Ingenieurleistungen gibt es überhaupt keine "German Angst", das wird alles sehr positiv gesehen. Ein Großteil unseres Wohlstandes beruht ja auch darauf. Im Gegensatz dazu sind wir Deutschen bei den Lebenswissenschaften, bei allem, was mit Genetik oder Veränderungen des Erbguts zu tun hat, sehr skeptisch. Verglichen mit Ländern im angelsächsischen Bereich oder in Skandinavien sehen wir sehr viel stärker die Risiken, auch vermeintliche Risiken. Vielleicht neigen wir in Deutschland dazu, den Dingen stärker auf den Grund zu gehen, das ist ja auch nicht schlecht. In Goethes Faust wird ein Mensch gemacht und die Frage nach dem Leben gestellt. Also das hat ein bisschen Tradition bei uns. Sicherlich spielt auch die Zeit des Faschismus eine Rolle, als sich die Wissenschaft mit dem Biologismus, der gesellschaftliche Fragen aus der Biologie ableiten wollte, selbst diskreditiert hat. Deshalb entwickeln wir möglicherweise eine besondere Sensibilität.

Volksstimme: Wie definiert die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften die Freiheit des Forschers?

Prof. Hacker: Wir folgen dem Leitspruch der Gründer der Leopoldina, "die Natur zu erforschen zum Wohle der Menschheit". Und natürlich diskutieren wir mit unseren Mitgliedern diese Fragen immer wieder. In der Forschungslandschaft wird auch über einen hypokratischen Eid für Wissenschaftler nachgedacht. Ich weiß nicht, ob er notwendig ist. Vor allem aber halte ich nicht viel von generellen Verboten. Ethik lässt sich nicht auf Verbote reduzieren. Auch Unterlassung kann schädlich sein.

Volksstimme: Was ist mit der Eigenverantwortung des Wissenschaftlers?

Prof. Hacker: Jeder Wissenschaftler sollte seine Arbeit immer wieder reflektieren. Die Atombombe ist ja so ein Menetekel, das klassische Beispiel für Grenzüberschreitung. Deswegen haben sich deutsche Kernphysiker 1957 in der "Göttinger Erklärung" gegen die Mitarbeit an einer deutschen Atomwaffe ausgesprochen.

Heute muss die synthetische Biologie als noch junges Forschungsgebiet selbstkritisch hinterfragen, was es bedeutet, im Labor ein Leben mit einem anderen genetischen Code zu schaffen. Viele bioethische Fragen kann man nicht so einfach mit Ja und Nein beantworten.

Ich würde aber sagen, dass die Wissenschaftler ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen. Zur Ethik gehört im Übrigen auch Redlichkeit und dass keine eilfertigen Versprechungen gemacht werden, nur um vielleicht Forschungsgelder zu akquirieren. Ich zitiere einen Kollegen: ,Wir brauchen keine Ankündigungswissenschaft. Es ist wichtig, dass junge Wissenschaftler auch auf ethische Grundsätze wie Ehrlichkeit aufmerksam gemacht werden.

Volksstimme: Friedrich Dürrenmatt lässt in seinem Theaterstück "Die Physiker" einen Wissenschaftler sagen: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Findet das Ihren Zuspruch?

Prof. Hacker: Das ist jedenfalls so. Wissen bleibt, in unserer globalen Informationsgesellschaft geht kein Wissen verloren. Deshalb hat es auch keinen Zweck etwas zurückzuhalten oder zu zensieren. Aber ich verstehe Dürrenmatts Satz auch als Bedingung: Wir müssen mit dem erworbenen Wissen verantwortungsvoll umgehen, ethische Grundsätze berücksichtigen.