Es sollte ein herausragendes Jahr für die russische Kosmosforschung werden. Die ganze Welt sollte sehen, dass Moskau wieder eine Führungsrolle in der Raumfahrt einnimmt. Russland bringt erstmals Marsgestein zur Erde. Russland sichert den Betrieb der Internationalen Raumstation. Russland nimmt ein Navigations-Satellitensystem in Betrieb. Solche Schlagzeilen wünschte sich das politische Führungsduo Putin und Medwedew im 50. Jahr des Erstfluges eines (Sowjet)-Menschen ins All. Tatsächlich endete das Jahr genauso enttäuschend wie es begann: mit dem Versagen einer Sojus-Rakete einen Tag vor Heiligabend.

Die Serie schwerer Pannen begann vor einem Jahr mit der Zerstörung von drei Navigationssatelliten bei einem missglückten Raketenstart. Das gleiche Schicksal ereilte später einen Spionagesatelliten und einen kommerziellen Kommunikationssatelliten.

So viel Pech ist ungewöhnlich. Westliche Experten wie der deutsche Raumfahrer Thomas Reiter hatten russische Raketen bislang als zuverlässig eingeschätzt. Bei allen Pannen des zurückliegendes Jahres lagen die Gründe im Versagen der Raketenoberstufe. Und offensichtlich ist es bis heute nicht gelungen, die Probleme in den Griff zu bekommen.

Die Politik indes reagierte wie seit den Zeiten der Zaren: Präsident Dmitri Medwedew feuerte den bisherigen Chef der russischen Raumfahrtagentur, Armeegeneral Anatoli Perminow, nur wenige Tage nach dem prachtvoll im Kreml gefeierten 50. Gagarin-Jubiläum. Perminows Nachfolger wurde Wladimir Popowkin, bisher stellvertretender Verteidigungsminister. Im Juli konnte Popowkin den erfolgreichen Start des radioastronomischen Observatoriums RadioAstron vermelden. Es kann schärfer "sehen" als das amerikanische Hubble-Weltraumobservatorium.

Pole-Position in der bemannten Raumfahrt

Seit dem Sommer spielt Russland außerdem eine herausragende Rolle bei der Versorgung der Internationalen Raumstation ISS. Nachdem die USA ihre Shuttle-Flotte stillgelegt haben, kann nur Russland Raumfahrer zur Internationalen Raumstation ISS und zurück zur Erde bringen. Vier bemannte Flüge und sechs unbemannte Versorgungsmissionen hatte man für 2011 geplant. Doch es kam anders: Am 26. August scheiterte der Start des unbemannten Versorgungsfrachters Progress 45P wegen eines Triebwerkproblems in der Sojus-Rakete. Zwar schwebte die Besatzung der ISS zu keiner Zeit in Lebensgefahr, doch die Panne verzögerte die Stations-Pläne um drei Monate.

Im Westen wurden Fragen laut: Warum können weder die NASA noch die europäische Weltraumorganisation ESA Alternativen anbieten? Die Antwort: In Europa fehlt bislang ein klarer politischer Wille, bemannte Raumschiffe zu entwickeln. Und die USA sind derzeit in einem Prozess der Kommerzialisierung der bemannten Raumfahrt, der frühestens in fünf Jahren zu Ergebnissen führen wird.

Es gibt aber auch positive Nachrichten: Erstmals starteten 2011 zwei Sojus-Raketen erfolgreich vom Weltraumbahnhof Kourou. Erfolgreich kooperiert haben Russland, Europa und China auch bei der Simulation eines bemannten Marsfluges. 520 Tage erprobten sechs Männer eine Reise in einer Isolationskammer bei Moskau. Als sie Anfang November den Container glücklich verließen, bereiteten russische Ingenieure gerade den Start der Marssonde Fobos-Grunt vor.

Geplatzte Träume einer Marsreise

Die unbemannte Sonde sollte erstmals auf dem Marsmond Phobos landen, dort Gestein sammeln und zur Erde bringen. Doch die Fobos-Grunt-Mission endete, bevor sie richtig begann. Vermutlich wegen eines Softwarefehlers im Antriebssystem der Zenit-Raketenoberstufe kam die über 13 Tonnen schwere Sonde nicht über den Erdorbit hinaus. Fast drei Jahrzehnte hatten Ingenieure und Wissenschaftler im Moskauer Lawoschkin-Raumfahrtzentrum an der Marssonde gearbeitet. Mehrfach mussten die Arbeiten wegen fehlender Finanzierung unterbrochen werden.

Dutzende gut ausgebildeter Ingenieure und Wissenschaftler verließen das Projekt, weil sie in den USA und Westeuropa bessere Arbeitsbedingungen fanden. Jene, die blieben und die Sonde zum Raumfahrt-Dumpingpreis von umgerechnet 150 Millionen Euro bauten, sollten disziplinarisch und finanziell zur Rechenschaft gezogen werden, forderte Medwedew. Das sind keine guten Voraussetzungen für geplante Wissenschaftsmissionen wie die Mondsonde Luna-Glob, an der sich indische und europäische Forscher beteiligen, oder die Venus-Sonde Venera-D.

Russlands Raumfahrt steckt zweifellos in einer Krise. Darüber kann auch die im November erreichte Komplettierung des Satelliten-Navigationssystems Glonass nicht hinwegtrösten. Mit den 24 aktiven Satelliten hofft Russland kommerzielle Dienste unter anderem für Speditionen und für die Landwirtschaft anbieten zu können.

Zuvor jedoch dürfte die Welt die Panne der Marssonde einholen. Voraussichtlich in der zweiten Januarwoche 2012 wird sie unkontrolliert zur Erde stürzen. Länger dürfte es dauern, verlorenes Vertrauen in die russische Raumfahrt zurückzugewinnen.