Dass, was heute zehntausende Demonstranten von Moskau bis Wladiwostok auf die Straße treibt, schien vor 20 Jahren fast erreicht. Mit der Auflösung der 1924 gegründeten Sowjet- union eröffnete sich für Russland und die 14 anderen Republiken die Perspektive von Freiheit, Wohlstand und Prosperität. Eine Illusion, wie die vergangenen 20 Jahre bewiesen haben.

Der damalige Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow stritt bis zur Auflösung des Vielvölkerstaates für den Fortbestand der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, wenn auch auf neuen rechtlichen Grundlagen. Doch der angestrebte Unionsvertrag kam nicht zustande. Am Jahresende 1991 stand Gorbatschow schließlich vor den Scherben der von ihm als Chef der Kommunistischen Partei seit 1985 verfolgten Öffnungspolitik, die das angeblich den Kommunismus aufbauende Land in seinen Grundfesten erschütterte.

Der KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow hatte die Schlagworten der späten 1980er Jahre in der Sowjetunion und dem gesamten Ostblock geprägt: Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung). Zunächst war beides begierig von den Sowjetbürgern aufgegriffen worden. Schnell jedoch überholte die Offenheit, sprich neue Meinungsfreiheit, die notwendige Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft.

Gorbatschows ökonomische Reformen erschöpften sich in einigen Experimenten und der Kampagne gegen die Trunksucht, die ihm den Spitznamen "Mineral-Sekretär" einbrachte, den Wodka-Durst der Russen jedoch nicht eindämmen konnte.

Allerdings war an der Sowjet-Wirtschaft, durch jahrzehntelange Stagnation der Breshnew-Ära und den teuren Rüstungswettlauf mit den USA geschwächt, ohne grundlegende Veränderungen auch nichts mehr zu retten. Die Industrie war ineffektiv, die eigene Landwirtschaft unfähig, das Sowjetvolk zu ernähren. Es mangelte an modernen Konsumgütern. Hinzu kamen Korruption und Bonzenwirtschaft. Die Reformer in KP und Staat hofften, dass neue Freiheiten auch neuen Elan freisetzen würde.

Weit gefehlt: Russen, Ukrainer, Balten oder Georgier nutzen die Offenheit, um ihren tief sitzenden Frust über die Verhältnisse im Lande zu artikulieren. Zu einem der massivsten Sargnägel für die Sowjetunion wurde dabei die verfehlte Nationalitätenpolitik. Im Miteinander der verschiedenen Völker war wenig von der einst durch Lenin proklamierten Gleichberechtigung geblieben. Die von der Moskauer Führung betriebene Russifizierung im gesamten Land sorgte für Unmut der sich bisweilen in Unruhen entlud. So im April 1989, als sowjetische Fallschirmjäger eine Demons- tration in der georgischen Hauptstadt Tiflis mit blanken Spaten und Giftgas-Einsatz auflösten. 20 Georgier wurden getötet, Hunderte verletzt.

Auch innerhalb der Sowjetrepubliken kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Nationalitäten, die teils bis heute nachwirken. Dazu gehört der ungelöste Konflikt um Berg-Karabach. Im Februar 1988 kam es in diesem armenisch dominierten Teil Aserbaidschans zu Demonstrationen, Aserbaidschaner wurden vertrieben. Dies wiederum löste ein Pogrom gegen Armenier in der aserbaidschanischen Stadt Sumgait aus. Die Situation eskalierte in den Folgejahren - von 1992 bis 1994 führten Armenien und Aserbaidschan Krieg um Berg-Karabach, seither herrscht ein fragiler Waffenstillstand.

Auch der Georgien-Krieg von 2009 wurzelt in ungelösten nationalen Fragen. Abchasien und Südossetien, auf georgischem Gebiet gelegen, drangen schon zu Sowjetzeiten auf Eigenständigkeit. Die haben beide jetzt - unter dem Schutz der russischen Armee.

Nachdem Litauen am 11. März 1990 als erste Sowjetrepublik den Austritt aus der Union erklärt hatte, vielen nach und nach die anderen Republiken von Moskau ab wie reife Oliven vom Baum.

Der Putsch kommunistischer Hardliner gegen Gorbatschow im August 1991 beschleunigte den Zerfall des flächenmäßig größten Landes der Erde. Boris Jelzin, russischer Präsident und durch den Widerstand gegen die Putschisten zu Berühmtheit gelangt, ließ Gorbatschow am steifen Arm verhungern und schwang sich zum neuen Kreml-Führer auf. Schlussakkord schließlich am 25. Dezember 1991, 19.38 Uhr Moskauer Zeit: Die Sowjetfahne auf dem Kreml wird eingezogen und durch die russische Nationalflagge ersetzt. Mit dem 31. Dezember endet die Existenz der Sowjetunion.

Aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist alles mögliche geworden: Nur echte Demokatie kann man mit der Lupe suchen.

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