Mit einem Koffer in der Hand und einer Zigarette im Mundwinkel setzt ein russischer Soldat an zum Sprung über eine Mauer. Dabei, die Kaserne zu verlassen, hält er für einen Moment lang inne. Sein Blick ist voller Verunsicherung. Das Foto von dem Soldaten ist eines von vielen Bildern, die Martin Hertrampf in der Zeit zwischen 1985 und 1996 von den russischen Streitkräften und Liegenschaften in Dresden machte.

"Das Thema ist zu mir gekommen. Ich hatte wenig Bezug zu den Russen und zum Militär", sagt Hertrampf. Zufällig war er durch ein offenstehendes Tor am Hintereingang in eine Kaserne geraten. Sofort hatte er die Gelegenheit gepackt und seinen Einblick in die ihm vollkommen fremde, bisher verwehrt gebliebene Welt mit der Kamera dokumentiert.

Nur ein einziges Foto konnte er vom leer stehenden Innenhof schießen. Daraufhin wurde er festgenommen. Die Begegnung mit den Russen - die selbst vollkommen ratlos waren, was sie mit ihm anstellen sollten, ihn stundenlang verhörten und ihn dann mit dem Film laufen ließen - dieses Erlebnis ließ Hertrampf nicht unberührt. Fortan suchte er immer wieder die Nähe zum russischen Militär. Bis irgendwann im Jahr 1994 die letzten Soldaten gingen.

Als die Russen am 18. August 1992 aus Dresden offiziell verabschiedet wurden, war Hertrampf 28 Jahre alt - ein junger Mann mit langen Haaren, bunt gekleidet, arbeitslos, Wehrdienstverweigerer.

Vor 20 Jahren waren seine Bilder Teil einer der ersten Ausstellungen, mit denen das Militärhistorische Museum in Dresden nach dem Ende des Kalten Krieges einen anderen, distanzierten Blick auf Militärgeschichte zeigen wollte.

Nun wird die Serie in einer Sonderausstellung vom heutigen Donnerstag an erneut unter dem Titel "Woher? Wohin?" präsentiert, zusammen mit Texten des Dichters Durs Grünbein.

Hertrampfs Bilder transportieren eine große Melancholie. Auch die meisten Russen seien mit einem weinenden Auge gegangen, sagt Kuratorin Katja Protte. Sie wussten nicht, was sie nach dem Abzug in Russland erwarten würde. Für die wenigsten ging es in die Heimat, denn viele Soldaten stammten aus einem der anderen Sowjetstaaten.

Bei der offiziellen Verabschiedung am 18. August 1992 machten die Dresdner deutlich, dass sie den sowjetischen Streitkräften nicht hinterhertrauern würden. Viele sahen dem Abzug mit Freude entgegen, war es doch nicht selten zu Auseinandersetzungen und gewalttätigen Übergriffen gekommen. Auf der anderen Seite blieb es von der Bevölkerung nicht unbemerkt, dass der Alltag der jungen Soldaten von Gewalt und Entbehrung geprägt war. Auch Freundschaften waren entstanden.

Die Erfahrungen seien sehr vielschichtig gewesen, sagt Protte. Umso interessanter sei es, sich jeweils auf einen individuellen Blick einzulassen. "Anstelle der verordneten deutsch-russischen Freundschaft gab es nun die Möglichkeit zu sagen: Ich habe jetzt die Freiheit, mir ein eigenes Bild zu machen", sagt die Kuratorin. Geblieben sei bei vielen, trotz aller Reibungen, eine sehr offene Verbundenheit mit der russischen Kultur. Waren die Russen doch ein wichtiger Teil ihres Lebens und mit Erinnerungen an die Kindheit verbunden.

Die Fotoausstellung zeigt diese Ambivalenz zwischen Faszination und Ablehnung. Es sind Bilder voller Zuneigung und Neugier, Distanz und Befremdlichkeit. Auch fangen sie Reaktionen ein, wie den an eine Kaserne geschmierten Satz "Ich haße euch", der den Blick wieder zurückwirft auf jemanden, der anscheinend nicht nur Probleme mit dem Militär, sondern auch der deutschen Sprache hatte. (dapd)