Die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt sucht Fachkräfte. Angesichts der rasanten Entwicklung im Arbeitsleben fehlt vielen Arbeitslosen das neueste Wissen. Das soll sich ändern.

Halle (dpa). Die Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt wollen der Wirtschaft im neuen Jahr mehr Fachkräfte vermitteln. Dafür solle eine höhere Zahl von Langzeitarbeitslosen als qualifizierte Arbeitskraft weitergebildet werden, sagte der Chef der Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit, Kay Senius, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

"Um die Fachkräftelücke im Land zu schließen, müssen wir ganz stark auf Qualifizierung setzen." So sei die Arbeitslosigkeit in Sachsen-Anhalt trotz Krise gesunken. Doch diejenigen, die ein Jahr und länger ohne Arbeit sind, profitierten von dieser Entwicklung in der Regel nicht.

Mehr als ein Drittel der Arbeitslosen seien länger als ein Jahr ohne feste Beschäftigung. In Sachsen-Anhalt waren im November 130 600 Menschen ohne Job. Darunter waren rund 43 400 langzeitarbeitslos – von denen wiederum waren 21 500 Menschen länger als zwei Jahre und 12 800 Menschen drei Jahre und noch länger arbeitslos. "Wir dürfen uns aber auch keine Illusionen machen, ein Langzeitarbeitsloser kann nicht sofort einen Fachkräftejob übernehmen", sagte Senius.

"Wir setzen dabei auf eine Art Fahrstuhlsystem", sagte er. Das heißt, wenn in einem Unternehmen eine hoch qualifizierte Fachkraft in den Ruhestand geht, dann sollte nach Möglichkeit eine Fachkraft aus dem Betrieb dafür qualifiziert werden. Wegen des demografischen Wandels in Sachsen-Anhalt wird der Fachkräftebedarf laut mittelfristigen Prognosen bis 2015 immer größer.

Einen "ungeheuren Bedarf" an qualifizierten Mitarbeitern gibt es laut Senius im Sozial- und im Gesundheitswesen. Zudem sind Ingenieure, Facharbeiter in der Metall- und Elektrobranche sowie in der Lager- und Logistikwirtschaft gefragt. "Das sind die großen Renner."

Senius bekräftigte, dass Menschen über 55 und auch über 60 Jahre viel stärker als bisher für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden müssen. "Sie bringen sehr viel Lebenserfahrung und allgemein auch eine hohe Motivation mit." In Sachsen-Anhalt gibt es 25 000 Arbeitslose im Alter von 55 bis 65 Jahren.

In der Debatte um einen Fachkräftemangel hat der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, von Firmen mehr Flexibilität bei der Anwerbung und Einstellung neuer Mitarbeiter verlangt. Unternehmen könnten angesichts des knapper werdenden Kräfteangebots nicht immer mit passgenauen Bewerbern rechnen, sagte Weise. Die Rekrutierung neuer Kräfte funktioniere nicht mehr wie zu Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. "Wir werden in Zukunft für viele Berufe nicht mal mehr einen Arbeitslosen haben", unterstrich er.

Statt nach einem formalen, zertifizierten Berufsabschluss sollten sich Firmenchefs daher künftig verstärkt nach den tatsächlichen Fähigkeiten der Bewerber erkundigen. "Man wird vielleicht künftig einem Unternehmen auf eine qualifizierte Ingenieursstelle einen erfahrenen Techniker präsentieren", erläuterte der Bundesagentur- Manager. Was diesem noch an Qualifikationen fehle, sollte mit einem "training on the job" oder einer firmeninternen Fortbildung wettgemacht werden.

Befürchtungen, die am 1. Mai startende Freizügigkeit für Beschäftigte aus Polen und den baltischen Staaten könnte zu einem Lohndumping in Deutschland führen, hält Weise hingegen für unbegründet. "Wirklich gut ausgebildete Menschen haben in ihrem Heimatland längst eine gute Beschäftigung", betonte er. Außerdem sei fraglich, ob Menschen aus diesen Ländern in Deutschland eine Beschäftigung suchten.

Die Erfahrung zeige, dass etwa Balten wegen der schweren Sprachtests in Deutschland eher in andere europäische Länder gingen.

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