Der deutsche Maschinenbau hat 2010 eine rasante Aufholjagd hingelegt. Von dem Umsatzniveau, das die Schlüsselbranche vor ihrem dramatischen Absturz in der Krise erreicht hatte, sind viele Betriebe aber noch weit entfernt.

Frankfurt/Main (dpa). Karl Haeusgen ist wieder zuversichtlich. Der Geschäftsführer des Münchner Maschinenbauers Hawe Hydraulik hat die Krise abgehakt: "2010 hat sich unerwartet gut entwickelt, es hat sich gezeigt, dass die durch die Finanzkrise ausgelöste Negativentwicklung eine Vertrauenskrise war, keine Nachfragekrise." Die Auftrags- bücher seien prall gefüllt, schon im kommenden Jahr werde sein Unternehmen den Vorkrisenumsatz von 2008 übertreffen – nach einem Einbruch um ein Drittel 2009.

Der Mittelständler hat gut lachen. Wie andere Maschinenbauer vor allem aus den Fachzweigen Bekleidungs- und Ledertechnik oder Elektrische Automation hat Hawe 2010 von der Belebung der weltweiten Nachfrage nach Investitionsgütern profitiert.

Doch ganz so rosig ist die Gegenwart des deutschen Maschinenbaus nicht. Denn im Krisenjahr 2009 war die Produktion um ein Viertel (24,5 Prozent) eingebrochen, für 2010 erwartet der Branchenverband VDMA ein im Vergleich zum Absturz bescheidenes Wachstum von 6 Prozent. "Wenn unsere Prognose eines Wachstums der Maschinenproduktion von acht Prozent im Jahr 2011 eintrifft, liegen wir in Summe immer noch um 14 Prozent unter dem 2008er Top", betont VDMA-Präsident Thomas Lindner.

Damit würde die Industrie Ende kommenden Jahres wieder auf dem Niveau von 2007 liegen, rechnet VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers vor. Auch die Beschäftigtenzahlen sind noch weit vom Spitzenwert von 960 000 im September 2008 entfernt, obwohl die Branche seit Mai monatlich leichte Zuwächse meldet. Wiechers erwartet Ende 2010 rund 915 000 Beschäftigte, 6000 weniger als Ende 2009.

In Bereichen wie Bau- und Baustoffmaschinen, Landtechnik, Fördertechnik oder Druck- und Papiertechnik wurden die Tiefstände gerade erst überwunden. "Die alten Spitzenniveaus sind dort noch in weiter Ferne, auch noch im nächsten Jahr", sagt Lindner.

Auch Heidelberger Druck hinkt hinterher und kämpft sich immer noch zurück Richtung Gewinnschwelle. Auf dem Höhepunkt der Krise hatte sich der Weltmarktführer seine Finanzierung nur noch mit Bankkrediten und einer öffentlichen Bürgschaft sichern können. Dank geglückter Kapitalerhöhung drückt die Schuldenlast mittlerweile weniger stark. Die Kapazitäten sind aber immer noch nicht ausgelastet.

In der Wirtschaftsflaute hatte etwa der Werbemarkt einen herben Dämpfer erlitten. In der Folge schoben viele Druckereien Investitionen für die kapitalintensiven Maschinen auf die lange Bank. Mittlerweile steigt in Asien und Südamerika wieder die Nachfrage, für einen breiten Aufschwung reicht es aber noch nicht.

Doch die Maschinenbauer stecken den Kopf nicht in den Sand. Als Lehre aus der Krise wollten sie nun vielmehr neue Märkte erschließen und neue Produkte entwickeln, betont Karl Lichtblau vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln. Haeusgen ist gar überzeugt: "Die Weltmarktposition des deutschen Maschinenbaus ist stärker als vor der Krise, weil die Unternehmen sehr viel dynamischer beschleunigen als die Wettbewerber in den anderen Industrienationen." Damit dies so bleibt, fordert der Unternehmer eine "Tarifpolitik mit Augenmaß".

Nur erhebliche externe Schocks könnten die große Nachfrage nach Maschinen "Made in Germany" stoppen, glaubt Haeusgen: "Wir sehen dieses Risiko zwar als vorhanden, aber nicht als wahrscheinlich an."

Lindner ist deutlich skeptischer: "Die Aussichten sind bei aller Zuversicht mehr als unsicher." Auch die mit der Finanzkrise offengelegten Risiken seien nicht über Nacht verschwunden. "Im Gegenteil: Wir haben uns im Zuge der Krisenbewältigung notgedrungen neue Probleme eingehandelt", zeigt sich der Unternehmer angesichts der Schulden- krise und der Debatte um den Euro besorgt. Niemand wolle sich ausmalen, was passiert, wenn die Währung auseinanderbricht, nicht mehr existiert oder in zwei Währungsblöcke aufgespalten wird.