Krisensitzung bei VW Winterkorn vor dem Aus?

In der VW-Führungskrise will der Kopf des Aufsichtsrats am heutigen
Freitag eine Erklärung abgeben. Es geht darum, wer den Konzern künftig
lenkt. Aufsichtsratschef Piech war von Vorstandschef Winterkorn
abgerückt.

17.04.2015, 01:18

Wolfsburg (dpa) l Im VW-Machtkampf sucht der engste Kreis des Aufsichtsrats nach einem Ausweg aus der Führungskrise. Das sechsköpfige Präsidium kam am Donnerstag zu einer Sondersitzung im österreichischen Salzburg zusammen. Dabei dürfte es um die berufliche Zukunft von VW-Konzernchef Martin Winterkorn gehen. Das Treffen lief bei Redaktionsschluss noch. Nach dpa-Informationen war ein Flugzeug im VW-Auftrag aus Niedersachsen gen Salzburg gestartet.

Das Präsidium kommt außer der Reihe zusammen, nachdem VW-Patriarch und Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch am vergangenen Freitag von Winterkorn abgerückt war. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn", hatte Piëch dem "Spiegel" gesagt und damit für Turbulenzen bei VW gesorgt.

Das österreichische Bundesland Salzburg ist die Heimat von Piëch und dort befindet sich auch der Familiensitz der Porsches. Außerdem hat in Salzburg der größte Autohändler Europas, die Porsche Holding Salzburg, ihren Sitz. Das Unternehmen ist eine Volkswagen-Tochter.

Das sechsköpfige Präsidium dürfte an einer Lösung für die Führungskrise arbeiten, in der die Zukunft von Winterkorn derzeit fraglich ist. Das Präsidium ist mit seinen sechs Mitgliedern der Kern des 20-köpfigen Aufsichtsrats und bereitet entscheidende Weichenstellungen des Kontrollgremiums vor.

Das Sextett bilden: Ferdinand Piëch (Vorsitz), Berthold Huber von der IG Metall (Vize-Vorsitz), VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh, der Sprecher des Porsche-Familienzweigs Wolfgang Porsche, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sowie der Osterloh-Vize Stephan Wolf. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtete am Donnerstag, Piëch habe neben den Mitgliedern des Präsidiums auch Winterkorn zu dieser außerordentlichen Sitzung in seine Heimat gebeten.

Winterkorn war bis zur Piëch-Aussage als Nachfolger des VW-Patriarchen an der Spitze des Aufsichtsrates gehandelt worden. Neben der Distanz-Ansage zitierte das Nachrichtenmagazin Piëch auch mit den Worten: "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen." Mit diesen Aussagen steht nicht nur Winterkorns möglicher Wechsel an die Spitze des Kontrollgremiums infrage, sondern auch sein weiterer Verbleib im Vorstand. Während Winterkorns Vorstandsvertrag Ende 2016 ausläuft, hat Piëchs Kontrakt eine Laufzeit bis zum Frühjahr 2017.

Unter Winterkorns Ägide ging es bei VW aufwärts

Mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat und den zwei Vertretern des VW-Großaktionärs Niedersachsen auf der Kapitalseite hat sich eine Allianz für Winterkorn ausgesprochen. Doch in der derzeitigen Führungskrise geht es möglicherweise nicht ums Stimmenzählen der Mandate im Aufsichtsrat. Übereinstimmend sagen Insider, dass eine offene Frontenbildung im Aufsichtsrat gegen Piëch eher unwahrscheinlich ist. Der Aufsichtsratschef und Vertreter der Piëch-Eigentümerfamilie gilt als das VW-Machtzentrum.

Wolfgang Porsche ist im Präsidium der Sprecher des Familienzweigs der Porsches, der zusammen mit den Piëchs die Stimmenmehrheit an VW hält. Porsche hatte Ferdinand Piëchs vernichtendes Zitat zunächst als "Privatmeinung" zurückgewiesen.

Unter Winterkorns gut achtjähriger Ägide - er wurde 2007 Konzernchef - legten die Auslieferungen des heute größten Autobauers Europas um 64 Prozent zu, der Umsatz um 86 Prozent, und beim operativen Ergebnis gab es sogar eine Vervierfachung. Bei seinem Amtsantritt zählte der Konzern 329000 Mitarbeiter. Heute sind es, auch dank vier neuer Marken, fast 600 000 Menschen.