Möckern l Politikern wird oft nachgesagt, dass sie immer viel reden. Dass sie tatsächlich auch mal was zu sagen haben, glaubt man ihnen wohl am ehesten dann, wenn sie - politisch betrachtet - gar nichts mehr zu sagen haben. Dr. Karl-Heinz Daehre ist jetzt so jemand. Er ist Rentner, bleibt für viele aber immer noch Minister.

So auch für den CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Behrens, auf dessen Einladung der ehemalige Verkehrs- und Bauminister nach Möckern kam, um hier sein Buch "Im Gespräch mit Karl-Heinz Daehre" vorzustellen.

"Ich lese da jetzt aber nicht draus vor", stellte der Gast gleich zu Beginn klar, um dann im Plauderton zu berichten, wie das eigentlich damals war, als er kurz nach der Deutschen Einheit zum Landesminister wurde: "Dann sitzte da ganz alleine und bist Minister. Ja, was machste?" Tja, was macht man da, am ersten Tag, in einem Büro, das noch voller DDR-Charme steckt, aber schon die neueste Telefonanlage intus hat. Dr. Daehre drückte darauf den größten Knopf und bestellte bei seiner Sekretärin einen Kaffee - und einen Kognac. Das erzählt der Ex-Minister gerne, auch wenn seine Ehefrau ihm stets sagt, er soll das nicht immer erzählen. Wahrscheinlich steht es aber auch so in Dr. Daehres Buch, das im März 2012 erschienen ist.

In der Plauderstunde in der Aula im Schloss Möckern erfuhren die gut 30 Gäste dann auch noch, wie es war, als zum ersten Mal Kanzler Helmut Kohl bei Karl-Heinz Daehre angerufen hatte ("da stehste aber gerade!") und woran er erkannte, dass er nicht mehr Minister war ("wenn du dich am dritten Tag morgens hinten ins Auto setzt und es fährt nicht los").

Ernste Gedanken zur Wende

Es sind aber auch tiefsinnige Gedanken, die der Politiker der alten Schule an dem Abend von sich gibt: "Das Problem der neuen Bundesländer war vor 20 Jahren, dass es alles schon gab. Die westlichen Unternehmen hätten alle Ostdeutschen mitversorgen können. Wir im Osten mussten uns entweder Nischen suchen oder andere Firmen verdrängen. Das ist damals viel zu wenig beachtet worden. Aber es hat zu großen Stücken funktioniert. Das ist beachtenswert."

Daehre beweist zudem - anders als andere seiner Parteigefährten vor ihm im Bereich der Einheitsgemeinde Möckern - dass man auch in gemäßigtem Ton über Sachsen-Anhalts Vergangenheit sinnieren kann: Die von der PDS tolerierte Minderheitenregierung habe Sachsen-Anhalt nicht gut getan, sagt Daehre, fügt aber sogleich an: "Wir haben damals aber auch nicht alles richtig gemacht. Wir waren vergnatzt und haben Total-Opposition betrieben. Das hat die ganze Sache verhärtet."

Zwei Wünsche verraten

Der 70-Jährige verrät den anwesenden Möckeranern auch seine zwei Wünsche für die Zukunft: Wunsch Eins: "Es sollen sich alle daran erinnern und nicht vergessen, was hier in den vergangenen 20 Jahren passiert ist."

Wunsch Zwei: "Minister sollen sich wieder mehr auf die Bedeutung des Wortes ministrare besinnen." Es bedeutet im Lateinischen "dienen". Und: "Minister sollen nicht die Bodenhaftung und Volks- verbundenheit verlieren." Das Volk in der Aula der Grundschule im Schloss Möckern applaudiert.

Und dann verrät der Ex-Minister noch, was er über die Medien gelernt hat: "Wenn die Presse dich in wenigen Sätzen verreisst, merken sich die Leser das. Wenn das aber in einem ganz langen Artikel passiert, lesen die Leute das eh nicht."