Die Staatssicherheit warb im Kreis Genthin sehr erfolgreich Jugendliche und Schüler an. Dieses Ergebnis und andere interessante Fakten präsentierte Jörg Stoye von der Stasi-Unterlagen-Behörde in Genthin.

Genthin l Nein, wirklich gesprochen hat man zu DDR-Zeiten nicht über die Staatssicherheit (Stasi). Aber die Angst und Unsicherheit, abgehört oder überwacht zu werden, hat viele Menschen jahrelang begleitet. Überall hat man sie damals vermutet, gewusst haben die DDR-Bürger dennoch letztlich wenig. "Viele Menschen denken noch heute, dass die Stasi mit ihren inoffiziellen Mitarbeitern überall war: in jedem Verein, in jedem Betrieb, in jedem Freundeskreis. Doch das war nicht so - diese Kapazitäten hatte die Stasi nicht", sagte Jörg Stoye am Donnerstag in seinem Vortrag in Genthin und entkräftete damit ein weit verbreitetes Vorurteil. Er muss es wissen, seit Jahren beschäftigt er sich als Leiter der Außenstelle Magdeburg mit den Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR.

In seinem Referat "Inoffizielle Stasi-Mitarbeiter im ehemaligen Kreis Genthin" präsentierte Jörg Stoye interessante Fakten und viele Auszüge aus Stasi-Akten mit den dazugehörigen Decknamen der inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Doch eine Thematik hatte ihn in der Vorbereitung auf den Vortrag besonders beschäftigt. "Es hat mich überrascht, dass die Genthiner Kreisdienststelle der Stasi besonders viele Jugendliche und Schüler in den Schulen und Ausbildungsbetrieben angeworben hat", erklärte er den etwa 150 Zuhörern. Besonders an den Erweiterten Oberschulen war die Stasi aktiv, viele Lehrer, aber besonders Schüler wurden dort in den 1970er und 1980er Jahren rekrutiert. "Genthin war eine überschaubare Kleinstadt: Hier ging man eben gemeinsam in den Jugendclub, in die Kirche oder fuhr zusammen zu Veranstaltungen und Festivals. Die Jugendlichen haben sich ausgefragt und diese Informationen dann weitergeleitet", sagte er. Somit habe die Stasi ein ziemlich gutes Bild von der Jugendszene im Kreis Genthin gehabt und viele Jugendliche geprägt und beeinflusst.

Mit dieser Vorgehensweise der Staatssicherheit und der frühzeitigen Werbung von IM\'s hat sich die Stasi ihre "Perspektivkader" gebildet. Einige der jungen Mitarbeiter seien später hauptamtlich für das Ministerium für Staatssicherheit tätig geworden oder haben in ihrer Berufszeit ihre inoffizielle Mitarbeit fortgeführt, erklärte Stoye. Im Jahr 1989 hatte die Kreisdienststelle 31 hauptamtliche Mitarbeiter, für das Jahr 1983 ist die Zahl von 300 IM\'s für den Kreis Genthin belegt. Zu dieser Zeit sollen insgesamt 17000 Dossierakten für den Kreis existiert haben - bei gerade einmal knapp 40000 Einwohnern Ende der 1980er Jahre. "Rechnet man die Kinder und Rentner weg, hatte somit mehr als jeder zweite zwischen 16 und 60 eine Akte", sagte Jörg Stoye. Er vermutet, dass 1989 knapp die Hälfte aller Genthiner Akten vernichtet worden ist.

Einsicht in ihre Akte nehmen heute noch immer viele Menschen. Und dabei hat die Thematik mit den vielen jugendlichen IM´s für die Genthiner Region auch heute noch Bedeutung, wie Stoye erklärte. "Von der Staatssicherheit bespitzelte Menschen bekommen über Stasi-Mitarbeiter unter 18 Jahren heute keine Informationen. Sie erfahren nicht, wer sich hinter dem Decknamen verbarg und auch die Einsicht in die eigene Akte zu dem Zeitraum, in dem der IM noch nicht volljährig war, ist aus Jugendschutzgründen nicht vollständig möglich." Das dürfte besonders für die Menschen interessant sein, die in den 1970er oder 1980er Jahren die Schulen im Kreis Genthin besucht haben: Wer das Gefühl hatte, ausgehorcht zu werden, wird heute für den Zeitraum des IM´s unter 18 Jahren nicht viel in Erfahrung bringen können. "Mit der Volljährigkeit endet jedoch dieser Schutz. Dann können Betroffene Einsicht in ihre Akte bekommen und auch die Identität der Spitzel in Erfahrung bringen", sagte Stoye.

Dass das Interesse dafür nach wie vor groß ist, bestätigte der Leiter der Außenstelle Magdeburg. "Anträge gehen regelmäßig bei uns ein. Wir sind im Moment dabei, die Wünsche von 2009 zu bearbeiten, schneller kommen wir gar nicht voran", sagte er und konnte auch erklären, warum auch 20 Jahre nach Ende der DDR noch Menschen auf die Idee kommen, sich ihre Akte anzusehen. "Gerade solche Veranstaltungen lösen bei Menschen oft Fragen aus. Da entscheiden sich auch ¿normale\' Bürger für eine Akteneinsicht, nicht nur zu DDR-Zeiten Verfolgte." Jörg Stoye findet das in Ordnung und meinte: "Das braucht bei manchen Menschen einfach seine Zeit."