Es ist eine rätselhafte Fehlerkette von Bundes- und Landkreisbehörden: Der 17-jährige Eghbal wird illegal aus Burg abgeschoben, obwohl er Asyl beantragt hat. Nach seiner Rückkehr werden die Fehler nicht korrigiert. Im Gegenteil - es kommt noch schlimmer für den jungen Mann aus Afghanistan.

Burg l Verbittert ist er nicht. Genug Gründe dafür hätte er - die Niederlagen, die der 17-Jährige Eghbal in seinem Leben bisher hinnehmen musste, können Menschen in die Verzweiflung treiben. Eghbal nicht. Er ist ein fröhlicher, junger Mann, der für sein Alter ungewöhnlich reif wirkt. Wer Eghbals Geschichte kennt, weiß warum. Es ist eine Geschichte, die von der Abhängigkeit von Anderen erzählt. Entscheidungen treffen kennt er kaum, bisher wurde immer über ihn entschieden. So ist es auch dieses Mal. Ohne seine Ruhe, Geduld und Hoffnung würde er das wohl auch nicht aushalten.

Eghbal ist Afghane, doch wirklich gut kennt er sein Heimatland nicht. Aufgewachsen ist er mit seiner Mutter und seiner Schwester als Illegaler im Iran. Weil sein Vater bereits früh bei einem Motorradunfall stirbt, muss Eghbal die Familie durchbringen, er fängt schon als Kind an zu arbeiten - mit sieben Jahren. Über Jahre wird er als billige Arbeitskraft ausgenutzt. "Morgens bin ich in die Schule, von Mittag bis zum Abend habe ich gearbeitet. Das Geld hat meistens trotzdem nicht gereicht", berichtet Eghbal. Irgendwann hat er genug von den Aushilfsjobs und den massiven Bedrohungen durch die Einheimischen. Er flieht. Sein Ziel heißt Europa.

Mit dem damals 15-Jährigen brechen im Mai 2010 sein Onkel, seine Tante und seine drei Cousins auf. Sie wollen bei entfernten Verwandten in Hamburg unterkommen. Mutter und Schwester lässt Eghbal im Iran zurück, er will sich Arbeit suchen und sie aus der Ferne versorgen. Dass die Reise bis nach Deutschland ein Jahr dauern wird, weiß zu diesem Zeitpunkt keiner der Sechs.

Über die Türkei erreicht die Familie Griechenland. Dort kommt sie wegen illegaler Einreise drei Tage in Haft, sie werden getrennt. Griechenland verfügt derzeit über kein funktionierendes Asylsystem. Über Italien, Frankreich, Belgien und die Niederlande erreichen Eghbal und zwei seiner Cousins im März 2011 Deutschland als Erste. Sein Onkel kommt über Italien nach, die Tante mit Eghbals jüngstem Cousin über Ungarn - ein Reiseweg, der für alle Familienmitglieder später noch einmal Folgen haben wird. Im Frühling 2011 ahnen sie das noch nicht, die Wiedersehensfreude ist groß, als die Familie in der Gemeinschaftsunterkunft in Burg zusammengeführt wird. In Deutschland beantragen sie Asyl.

Eghbal lernt Deutsch und besucht die Diesterwegschule. "Dort hat es mir gefallen", sagt er. Eghbal ist ehrgeizig, will seinen Abschluss machen und später Chemie studieren. Im Hinterkopf hat er seine verarmte Familie im Iran. "Eghbal wurde in der 10. Klasse sehr gut aufgenommen. Er hat gut Deutsch gesprochen", erinnert sich Wolfgang Faßl, Schulleiter in der Diesterwegschule, noch genau an den Jungen und seine Cousins. "Die hatte ich irgendwie in mein Herz geschlossen", sagt Faßl. Die Lehrer glauben daran, dass der damals 16-Jährige seinen Abschluss schafft.

Doch eines Tages kommt Eghbal plötzlich nicht mehr zur Schule. Dort weiß niemand, warum. In der Ausländerbehörde des Landkreises schon. Am 12. Dezember 2011 wird die gesamte Familie in einer Nacht-und-Nebelaktion von der Polizei zum Flughafen gefahren und ohne Ankündigung nach Ungarn ausgeflogen - auf Anweisung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. "Weil Eghbals Tante bei ihrer Flucht dort in einer Datenbank registriert worden war, sollte die gesamte Familie nach Ungarn zurückgeführt werden", erklärt Jan Braune vom Integrationshilfeverein Sachsen-Anhalt. Er begleitet Eghbal seit einigen Monaten.

"Die Asylanträge der Familienmitglieder in Deutschland wurden völlig ignoriert. Bei einem laufenden Verfahren dürfen Flüchtlinge nicht abgeschoben werden. Ungarn war nicht für die Familie zuständig - sondern Deutschland", kritisiert Jan Braune. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge will sich mit Verweis auf den Datenschutz nicht dazu äußern.

Die Familie landet im Flüchtlingslager Debrecen in der Nähe von Budapest. Nach wenigen Tagen widriger Umstände flieht Eghbal - diesmal nach Österreich. Das Bundesamt für Flüchtlinge in Österreich prüft Eghbals Daten und stellt fest, dass er bereits einen Asylantrag in Deutschland gestellt hat und die Abschiebung nach Ungarn somit illegal war. Am 9. März 2012 wird er zurück nach Deutschland überstellt. "In Burg bin ich dann wieder zur Schule gegangen", erzählt der 17-Jährige.

Doch auch der zweite Aufenthalt im Jerichower Land währt nicht lange: Einige Wochen nach seiner Ankunft stellt das Jugendamt überrascht fest, dass sich Eghbal als Minderjähriger ohne Eltern im Flüchtlingsheim befindet und verbringt ihn in die sogenannte Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Magdeburg. Dort lebt er bis heute, zur Schule darf er nicht. "Nun sind die zart geknüpften Bande zu seinen Mitschülern wieder zerissen", sagt der Schulleiter der Diesterwegschule Wolfgang Faßl.

Wenn Jan Braune von der Integrationshilfe Sachsen-Anhalt über Eghbals Odyssee nachdenkt, legen sich Falten auf seine Stirn. "Da ist so viel schief gelaufen", sagt er und schüttelt immer wieder mit dem Kopf. Die Abschiebung nach Ungarn war in seinen Augen illegal. "Die Dublin-II-Verordnung regelt klar: Es ist das Land für Flüchtlinge zuständig, in dem die Mehrzahl der Familienmitglieder registriert werden und erstmalig in Europa Asyl beantragen. Das war eindeutig Deutschland, in Ungarn hat die Tante kein Asyl beantragt. So haben es später auch die Behörden in Österreich festgestellt", sagt Braune und bemängelt bei der Abschiebeaktion vor allem auch die Rolle des Jugendamtes Jerichower Land. "Es hätte die Abschiebung verhindern können und sich nach der UN-Konvention um das Kindeswohl von Eghbal kümmern müssen. Aber wurde es bei der Aktion überhaupt eingeschaltet?", fragt er, "So, wie das bei Abschiebungen geboten ist?"

Henry Liebe, Sprecher des Landkreises, weist die Vorwürfe zurück. "Eine Beteiligung des Jugendamtes bei der Abschiebung der Familie nach Ungarn war nicht erforderlich, da sich Eghbal in Begleitung seiner Eltern befand und eine Gefährdung des Kindeswohls nicht bestand", erklärt er. Das ist falsch: Eghbals Mutter lebt im Iran, sein Vater ist tot. Scheinbar haben sich Ausländerbehörde und Jugendamt nicht intensiv genug mit Eghbals Biografie auseinandergesetzt.

Jan Braune verärgert das Agieren des Landkreises. "Die Ausländerbehörde, die die Abschiebung organisiert hat, ist nicht in der Lage zu beurteilen, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt oder nicht. Sie verfügt nicht über die notwendige Expertise und verfolgt gegenläufige Interessen", sagt er und wirft dem Jugendamt noch weitere Fehler vor. "Eghbal wird seit seiner Rückkehr nach Deutschland der Schulbesuch verwehrt. Wir haben mehrfach versucht, mit den beteiligten Ämtern Kontakt aufzunehmen und zu vermitteln - es war erfolglos", erklärt Jan Braune, "man sah keinen Gesprächsbedarf." Auch die Diesterwegschule hat sich für den Schulbesuch des Jungen ausgesprochen.

Inzwischen hat Roland Bartnig mit dem Magdeburger Verein Refugium die Vormundschaft für Eghbal übernommen. Er hat nach Eghbals Überweisung in die Clearing-Stelle ein begleitetes Wohnen in der Burger Rolandmühle für ihn vorgeschlagen, damit er weiter die Schule besuchen kann - das Jugendamt meldete sich wochenlang nicht, lehnte später ohne Begründung ab. Mit dem neuen Schuljahr gilt der 17-Jährige als ausgeschult - ohne Abschluss. "Das werfe ich dem Jugendamt vor, Eghbal kann nichts dafür, wenn ihm der Schulbesuch verweigert wird. Das müssen sie umgehend korrigieren und wiedergutmachen", fordert Roland Bartnig. Jan Braune glaubt, dass dies mit Absicht verzögert worden ist: "Nach diversen Kontakten mit dem Jugendamt wurde uns von internen Absprachen mit der Ausländerbehörde berichtet. Demnach seien keine weiteren Bemühungen in dem Fall notwendig, da der Junge bald 18 Jahre alt werde und dann wieder eine Abschiebung anstehe. Auch das ist einfach aus der Luft gegriffen."

Diese Haltung löst bei Jan Braune Unverständnis aus. "Eghbal ist lernwillig, die Schule will ihn und beim Jugendamt stellt man sich quer. Das ist nicht nachvollziehbar", kritisiert er frustriert. Wollen die Behörden im Jerichower Land den Fall bis zur endgültigen Abschiebung verschleppen? Weil Jan Braune das vermutet, hat er nun eine Anwältin eingeschaltet.

Eine Volksstimme-Nachfrage beim Kultusministerium ergibt, dass für Eghbal noch ein anderer Weg zum Schulabschluss möglich ist: Im Rahmen eines berufsvorbereitenden Jahres. "Den Antrag kann der Vormund stellen", erklärt Ministeriumssprecherin Karina Kunze und ergänzt: "Einer Einbeziehung des Jugendamtes steht nichts entgegen, da dort der Fall schon länger bekannt ist und Eghbal dort betreut wurde."

Im November wird Eghbal 18 Jahre alt. So wie es derzeit aussieht, käme er dann wieder in das Flüchtlingslager nach Burg. Am liebsten möchte er arbeiten und Geld verdienen, mit Schulabschluss wäre das einfacher. Stattdessen kann er im Moment nur abwarten, wie über seinen Asylantrag entschieden wird. Wird dieser abgelehnt, kann es mit der Abschiebung ganz schnell gehen. In den letzten Tagen stellte sich heraus, dass die Ausländerbehörde vergaß, das fälschlicherweise mit der Rückführung abgebrochene Asylverfahren von Amts wegen wieder aufzunehmen. "Die beteiligten Ämter im Jerichower Land scheinen mit dem Fall überfodert zu sein. Das hat eine Mitarbeiterin uns gegenüber telefonisch sogar zugegeben", sagt Jan Braune.

Seine Freizeit nutzt Eghbal, um mit seiner Mutter im Iran und seinen Verwandten in Ungarn Kontakt zu halten. "Wir telefonieren oft", sagt er. Manchmal ist ihm auch langweilig, dann träumt Eghbal vom Chemiestudium. "Ich will hier Geld verdienen und meiner Familie helfen", sagt er ruhig. Eghbal wirkt nachdenklich, doch sein Blick ist voller Hoffnung. Es ist der einzige Strohhalm, an den er sich klammern kann.

Ein Video über Eghbal gibt es im Internet zu sehen unter: www.integrationshilfe-lsa.org