Gardelegen l Als Wolfgang Kiehl auf dem Tiefpunkt seiner Drogenkarriere angelangt ist, beginnt der Tag für ihn um 17 Uhr nachmittags. Hämmernde Kopf- und Gliederschmerzen sowie Magenkrämpfe wecken ihn. Das Wasser kommt aus allen Körperöffnungen. Hilfe verspricht jetzt nur ein Stoff: "Age", "braunes Pulver" oder auch "Hero" nennen ihn die Junkies. Die Rede ist von der Droge Heroin. 300 Euro muss Wolfgang Kiehl für die tägliche Ration von fünf Gramm auftreiben. Dafür stiehlt, lügt und schnorrt der junge Mann.

Sieben lange Jahre geht das so. Doch im Gegensatz zu den meisten anderen Betroffenen wird das Heroin für Wolfgang Kiehl nicht zur Endstation. Heute ist der Hannoveraner "clean", wie die Junkies sagen. Rund 50 Schülern der Gardeleger Karl-Marx-Sekundarschule und der Rosa-Luxemburg-Schule berichtete er am Dienstag im Rahmen eines Projektes zur Vermeidung von Schulversagen und Schulabbruch über seinen Weg aus dem Drogensumpf.

Kiehl machte dabei schnell klar, dass es keiner besonderen Voraussetzungen bedarf, um in den Strudel der Drogen zu geraten. Eine behütete Kindheit, eine ruhige Grundschulzeit all das habe er gehabt, erzählt er. Dann aber erschüttert der erste Einschnitt sein Leben. Es ist ein Ereignis, das für sich genommen noch nichts bedeuten muss: Wolfgang Kiehls Eltern ziehen schlicht in einen anderen Stadtdteil. Doch gegen seien Willen muss der Junge nun in eine neue Schule gehen. Das Klima dort ist rau. Und Wolfgang Kiehl - um die Anerkennung seiner Mitschüler bemüht - passt sich an. "Ich habe versucht mitzumischen und wurde zum Klassenclown", erzählt der heute 49-Jährige.

Was folgt sind Konflikte mit den Lehrern und schließlich mit seinen Eltern. "Die Beziehungsschere ist damals total auseinander gegangen", sagt Kiehl. Er habe nicht mehr über sich geredet, sich zurückgezogen, auch weil sein Vater kaum auf seine Bedürfnisse eingegangen sei. Im Nachhinein wird sich dieser Bruch mit den Eltern als einer der wichtigsten Faktoren für sein Abgleiten in die Abhängigkeit erweisen.

Der Unterstützung durch Eltern und Schule entzogen, sucht sich Kiehl bald neue Freunde. Fündig wird er auf einem Bolzplatz nahe seiner ersten eigenen Wohnung. Die Angst, nicht anerkannt zu werden, und die Experimentierfreude unter jungen Leuten hätten ihn zunächst zum Kiffen gebracht.

Später folgen alle denkbaren Drogen von Speed über Ecstasy und Kokain bis hin zu LSD. Dem Abwärtssog schon fast entronnen, kehrt Kiehl nach seiner Bundeswehrzeit zurück nach Hannover. Bei einer Wiedersehensparty erwischt er einige seiner Freunde beim Heroinrauchen. "Sie alle haben bereut, die Droge überhaupt ausprobiert zu haben, sie haben mich noch gewarnt", erzählt Kiehl. Doch er kann der Versuchung nicht wiederstehen und raucht mit.

Vom Moment des ersten Zugs an ist Kiehl der Droge ausgeliefert. "Heroin ist ein absoluter Gefühlskiller", sagt er. Genau das sei auch das Geheimnis der Droge. Es folgen sieben Jahre Überlebenskampf. Doch Wolfgang Kiehl hat Glück. Wegen seiner Diebstähle landet er irgendwann vor Gericht, muss in Untersuchungshaft. Unfreiwillig durchlebt er hier einen kalten Entzug.

Lieber nackt zum Nordpol, als das nochmal durchzumachen

Lieber würde er nackt zum Nordpol laufen, als das noch einmal durchzumachen, erzählt er den Schülern. Nach einem Rückfall muss Kiehl noch einmal eine Therapie anschließen. Doch 2002 ist er tatsächlich heraus aus dem Tal. "Heute bin ich glücklich", sagt er. Nach der Drogenkarriere habe er es geschafft, sein Abitur nachzuholen und zu studieren. Auch eine Frau und drei Kinder hat Kiehl heute. "Im Idealfall könnt ihr euch ein bisschen besser vor Gefahren schützen als ich", sagt er zu den Schülern. Die bedanken sich sichtlich beeindruckt, mit Applaus und vielen Nachfragen.

Der Besuch Wolfgang Kiehls im Rahmen des Präventionsprojektes gegen Schulversagen wurde vom Europäischen Sozialfonds und vom Kultusministerium des Landes finanziert.