Der Gardeleger Segelfliegerverein hat derzeit gerade Besuch aus dem westlichen Nachbarland. Und die Gäste wollen alle in die Luft gehen.

Gardelegen l Ungewöhnliche Töne klingen aus dem Funkgerät im Cockpit des schneeweißen Segelfliegers, an dem Fluglehrer Gert Fischer am Montag gerade eine junge Schülerin einweist: "Positie voor de landing", sagt jemand, zum Beispiel fröhlich und "Uitgebreid en vergrendeld onderwagen". Dann folgt ein Wortschwall der schwer zu verstehen ist. Zumindest von den einheimischen Fliegern. Derzeit wird auf dem Gardeleger Segelflugplatz nämlich hauptsächlich auf niederländisch gefunkt. Rund 60 Mitglieder des ZES, des Zweefvliegclub Eindhovense Studenten campieren hier für eine Woche. "Einige sind schon wieder weg, andere kommen noch nach. Möglicherweise werden am Ende etwa 110 Leute hier gewesen sein", sagt Bart Konings, der in Gardelegen wegen seiner guten Deutschkenntnisse praktischerweise zum Vereinssprecher ernannt wurde. Gerade hat er drei Neuankömmlinge begrüßt. "Drie uren", haben sie mit ihrem Segelflugzeug nur gebraucht, drei Stunden also. Mit dem Auto wären es wohl mindestens sieben gewesen, ohne Stau gerechnet. Nun wollen sie erst mal Pause machen, bevor es wieder nach oben geht in den blauen Himmel über Gardelegen.

Doch wie kommen so viele Niederländer überhaupt auf die Idee, hier ihr jährliches Fliegerlager abzuhalten? Bart Konings lacht: "Da gibt es eine Riesenliste mit Angeboten", verrät er. Dass sich der große Eindhovener Verein für die Altmärker Fliegerfreunde entschieden hat, liegt einfach an der Art, wie die auf die Anfrage der Niederländer geantwortet haben, nämlich "sehr nett".

Viele mal täglich sirrt es derzeit in der Luft

Zudem erfülle der Platz die Anforderungen perfekt, es sind schließlich eine Menge Leute, die hier übernachten, vor allem aber landen und starten wollen. Viele Male täglich sirrt es in der Luft, wenn wieder einer der schmucken Flieger mit eleganten Namen wie "Janus", Discus", Twin Astir" oder "Moskito" auf dem hügeligen Gelände in Gardelegen landet. "Bei uns ist alles flach", sagt Bart Konings. "Das ist hier also anders als bei uns." Zudem gebe es am Rande des Platzes große Hochspannungsmasten. Auch das ist ungewohnt für die Niederländer. "Aber alles, was ungewöhnlich ist, ist wieder gut, wenn man trainieren will."

Trainiert werden hier aber nicht nur die Starts und Landungen. Einige der Vereinsmitglieder brechen von Gardelegen aus sogar zu Langstreckenflügen auf, erzählt Konings. Wer nicht zurück kommt, weil die Thermik nicht ausreicht, wird wieder abgeholt. Dann steigt Konings nämlich in die Cessna, das Motorflugzeug der Gardeleger Flieger, und schleppt die Flugzeuge an ihrem Landungsort wieder hoch - übrigens egal, ob sie ein "d", als deutsche oder ein "ph" als niederländische Kennzeichnung am Rumpf haben. Zum Beispiel holt er am Montag ganz unproblematisch auch die beiden Gardeleger Flugschüler Felix Thürich und Gunnar Benecke wieder ab, die just an diesem Tag ihren ersten Flug über 50 Kilometer Distanz zurückgelegt haben und auf dem Flugplatz in Klietz gelandet sind. "Wir haben das abgesprochen. Die Gäste dürfen unser Flugzeug benutzen, dafür üben wir mal wieder den Windenstart", erläutert Markus Klaubert, Schatzmeister des Gardeleger Vereines. Denn die Gäste aus dem Nachbarland haben ihre Winde mitgebracht.

Aber auch sonst befruchten sich die Flieger gegenseitig -insbesondere erfahrungstechnisch. Denn manches ist anders in Deutschland, gibt Bart Konings zu. So kennen die Niederländer zum Beispiel die martialischen Bräuche nicht, die hier bei bestandener Segelfliegerprüfung üblich sind: Den deutschen Prüflingen wird nämlich der Po versohlt - weil man in diesem Körperteil die Thermik spürt - und zudem ein Strauß Disteln überreicht. Gehört habe er davon, sagt Konings grinsend. Und es sei natürlich möglich, "sogar wahrscheinlich, dass einige von uns hier ihre Prüfung bestehen, aber verhauen werden wir sie dann trotzdem nicht." Vielleicht, weil viele junge Mädchen dabei sind. Anders als in Gardelegen haben die Niederländer nämlich viele weibliche Mitglieder in ihrem Verein.

Altes Segelflugzeug in der Uni aufgehängt

Ein weiterer Unterschied: Während in Gardelegen jeder Mitglied werden kann, muss man in Eindhoven künftiger, aktueller oder ehemaliger Student sein. Das passt insofern aber ganz gut, da es in der großen Stadt eine Universität mit vielen technischen Studiengängen gibt. Da muss nicht erst ein Technikinteresse geweckt werden, es ist schon da. Auch Werbung funktioniert so wie von selbst. "Kürzlich haben wir einfach mal ein altes Segelflugzeug in der Uni aufgehängt", sagt Konings lachend.

Aber dann muss er los, der nächste F-Schlepp wartet. Mechatronik-Dozent Hendrik van der Heiden und die künftige Psychologiestudentin Sietske Wyffels wollen nach oben in den blauen Himmel, unter den Wolken die Thermik finden und dann so lange wie möglich darunter durch die Luft gleiten.

Die kleine Juline Dortu ist da gerade von einem solchen Flug zurückgekehrt und meldet sich wieder bei Vereinsschatzmeister und Papa Willem auf der Erde zurück. "Na", sagt der lachend, "warst du lekker fliegen". Lekker bedeutet nämlich auf niederländisch sowohl wohlschmeckend als auch schön. Sie ist einfach zu hübsch diese niederländische Sprache.

Nur eines fragen sich sicher deutsche Besucher - die übrigens jederzeit auf dem Gardeleger Flugplatz willkommen sind: Wo nur sind eigentlich die typisch niederländischen Wohnwagen? Nicht einer steht auf dem Gelände. Nur Zelte. Bart Konings hat auf diese Frage allerdings eine Gegenfrage: "Wenn wir Wohnwagen ziehen", sagt er augenzwinkernd, "wo sollen wir dann die Anhänger mit den Flugzeugen dranhängen?" Auch das ist somit also geklärt.

   

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