Gänsebraten und Weihnachtsmann, Kirchgang und Geschenke - so feiern die Altmärker ihr Fest. Doch andere Länder - andere Sitten. Die Volksstimme ließ sich darüber von Wahl-Gardelegern aus drei Nationen erzählen.

Gardelegen l 2012 wird ein gutes Jahr. Das zumindest steht für den Vietnamesen Binh Un Ngoc schon fest. Am 23. Januar nämlich beginnt nach dem Mondkalender das Jahr des Drachen. "Es kommt nur alle zwölf Jahre", sagt der Familienvater. Und der Drache sei das "beste aller Kalendertiere". Er sei stark und mutig und stecke voller Energien.

Dabei sind das alles Eigenschaften, die eigentlich auch auf den Gardeleger Gastwirt selbst zutreffen. Denn Mut gehört ganz sicher dazu, weitab von zu Hause zu leben und als selbständiger Gastronom zu arbeiten. Seit 1988 sei er mittlerweile in Deutschland, erzählt Ngoc. Hier in Gardelegen hat er seine Frau Huong Do Thin Tranh geheiratet, hier ist 1994 ihr Sohn Huy Do Ngoc geboren. Und hier feiert die Familie seither Weihnachten. Seit 23 Jahren. Und das finden die drei eigentlich ausgesprochen prima, denn mit dem christlichen Fest haben sie einen Grund mehr zu feiern. "Wir feiern unser Weihnachten dann nämlich gleich noch mal im Januar", verrät Huy, der das Gymnasium besucht.

In Vietnam heiße das Fest der Feste indes nicht Weihnachten, sondern Tet-Fest. Und sei eigentlich auch eher mit unserem Neujahrsfest zu vergleichen. Denn an diesem Tag gibt es Geschenke. Das Festtagsgericht, "ein Klebreiskuchen mit viel Fleisch in der Mitte", steht dann überall in Vietnam auf dem Tisch. Das heißt, überall da, wo es sich die Menschen leisten können. Das, so erzählt Binh Un Ngoc, sei heute aber glücklicherweise auch in seinem Heimatort Cao Bang, "ganz im Norden von Vietnam", so. Nach Hause fahren können die drei nur selten. "Das letzte Mal waren wir im Februar 2009 in Vietnam", erzählt Huy. Viele seiner Verwandten leben dort. Aber auch hier haben alle mittlerweile einen Freundeskreis, der fast wie eine Familie ist.

Das Gasthaus betreiben Binh Un Ngoc und seine Frau nun schon ein Jahr. Sie mögen die Menschen hier in Gardelegen. Hier fühlen sie sich Zuhause.

Die Traditionen aus der Heimat pflegt die Familie auch hier in Deutschland, erzählt Huong Do Thin Tranh. Ein Besuch im buddhistischen Tempel sei ja nun an diesem Tag zwar nicht möglich, aber natürlich komme dann hier, wie auch in Vietnam, die ganze Familie zusammen.

Weit weg von zu Hause, wenn auch nicht ganz so weit, sind am Heiligen Abend in Gardelegen auch Vassilios Raptis und seine Mutter Olga Rapti, Inhaber des Gardeleger Restaurants "Athos". Ihre Heimat, ihre Wurzeln liegen in Preveza im Nordwesten Griechenlands. Auch sie haben die Traditionen aus ihrer Heimat mittlerweile mit denen ihrer Wahlheimat vermengt. Auch sie feiern zweimal Weihnachten. Den Heiligen Abend am 24. Dezember und "Christougena", das Weihnachtsfest der griechisch-orthodoxen Kirche am 1. Januar.

Allerdings gibt es doch zahlreiche Parallelen zum deutschen Weihnachtsfest, erzählen die Raptis. Denn auch in Griechenland kommt der Weihnachtsmann. "Der heißt fast so wie ich", sagt Vassilios Raptis zwinkernd. Denn der Rauschebart, der "genau so aussieht wie bei Euch", ist hier "Agios Vasilis, der Heilige Vasili". Und er legt seine Geschenke ebenso wie in Deutschland unter dem schön geschmückten Tannenbaum ab.

Ausgepackt werden sie dann am Neujahrsmorgen. Meist sind es auch dort die Kinder, die am reichsten beschenkt werden. Für jedes Kind, das dann nicht genug unter dem Baum fand, gibt es dann schließlich noch die Chance, diese Bilanz ein wenig aufzubessern. "Denn bei uns ziehen die Kinder dann mit einer Triangel von Haus zu Haus, singen Weihnachtslieder und bekommen dort oft noch etwas geschenkt", erzählt Olga Raptis schmunzelnd. Zudem gibt es einen weiteren Brauch in Griechenland, der durchaus auch in Deutschland eingeführt werden sollte, zumindest würden das wohl alle Schüler toll finden. Am 23. Dezember, dem letzten Schultag im Jahr, bekommen nämlich die Schüler dort Geschenke von ihren Lehrern.

Da "Christougena" und Neujahr zusammenfallen, wird an Weihnachten in Griechenland auch ordentlich geknallt. Auf dem Tisch der Griechen steht an diesem Tag ebenfalls immer etwas besonderes: "Oft eine Gans, so wie hier", erzählt Olga Rapti, aber ganz sicher immer eine griechische Pita. "Ein Blätterteigring, gefüllt mit Lamm und Reis in der Mitte", beschreibt Vassilios Raptis den Festtagsschmaus.

Am Neujahrstag wird ein "Kekskuchen" gebacken, bei dem ein Geldstück in den Teig geworfen wird. "Jeder, ob alt oder jung, bekommt dann ein Stück", erzählt Vassilios, "und wer es erwischt, der hat dann im kommenden Jahr besonders viel Glück."

Das indes können derzeit in Griechenland wohl die meisten Menschen ganz dringend gebrauchen. Wenn Vassilios und Olga von ihren Verwandten berichten, werden sie zumindest ganz traurig. Denn die Wirtschaftskrise der Griechen hat mittlerweile auch ihre Familie erwischt. "Meine Schwester und mein Schwager wurden beide gleichzeitig arbeitslos", erzählt Vassilios. Seiner Großmutter sei ein großer Teil der Rente gestrichen worden. "Benzin kostet mittlerweile 1,83 Euro." Und zwar bei Mindestlöhnen, die weit unter denen der Deutschen liegen. "So können die Menschen nicht leben", sagt Vassilios, "viele versuchen deshalb auch wegzuziehen aus Griechenland.

Das indes hat Familie Rapti schon seit langem hinter sich. Seit 17 Jahren sind sie mittlerweile in Deutschland.

Abdullah Aydin betreibt seinen Imbiss mit türkischen Spezialitäten gar nicht weit von Vassilios Restaurant. Ein Weihnachtsfest, so wie wir es hier in Deutschland kennen, kennt man in Abdullahs Heimat, einem kurdischen Dörfchen ganz im Osten der Türkei, nicht. Auch einen Weihnachtsmann gibt es dort nicht. Die Familie kommt am 23. und 24. Dezember aber auch bei ihm daheim zusammen. "Wir sitzen dann alle gemeinsam vor dem Fernseher und trinken Tee bis lange in die Nacht." Größer gefeiert wird schließlich auch in seiner Heimat das kurdische Silvesterfest "Yilbasi". Kinder, aber auch die Erwachsene ziehen zu dieser Zeit durchs Dorf und klopfen an den Nachbartüren. Ähnlich wie in Griechenland gibt\'s dann kleine Geschenke, oder "man wird zu Essen eingeladen."

Das schönste Geschenk, alle Jahre wieder - zumindest "seit etwa acht Jahren - ist für den Wahl-Gardeleger allerdings, dass jetzt alles viel friedlicher zugeht in seiner Heimat. "Da hatten wir immer Angst um unsere Familien zu Hause." Auch in seinem Dorf habe es damals Gewalt gegeben, sagt Abdullah. "Doch jetzt ist alles gut und friedlich." Und das ist für ihn derzeit wohl besonders wichtig. Denn er ist frisch verheiratet. Seine Frau Umran lebt allerdings noch in seiner Heimat. "Vielleicht im nächsten Jahr", möchte er sie nach Deutschland holen. Dann wird sie auch das deutsche Weihnachtsfest kennenlernen.

Aber wie feiern Abdullah und sein Bruder Ömer, der mit ihm den türkischen Imbiss führt denn nun hier am Heiligen Abend in Deutschland? Die Antwort überrascht: Denn auch die beiden jungen Kurden werden ein Familienfest feiern. Noch dazu wahrscheinlich ein größeres, als jeder Altmärker. Denn "seit fünf Jahren" treffen sich Abdullah und Ömer Aydin und noch "so ungefähr 600 Verwandte" am Heiligen Abend in einem großen Saal. "In diesem Jahr wird das in Rathenow sein", erzählt der junge Kurde, "2010 waren wir zum Beispiel in Bremen". Und dann holt Abdullah sein Handy heraus und präsentiert ein Video mit der fröhlichsten Weihnachtsfeier, die man sich vorstellen kann: Junge und alte Männer tanzen Hand in Hand in langer Reihe, Kinder toben dazwischen umher. Musik klingt, laut und mitreißend. 600 "Cousins und Neffen und Onkel", alles Verwandte, strahlt Abdullah. Die meisten von ihnen leben in Deutschland wie er, einige kommen aber auch aus Österreich, Frankreich oder der Türkei zur Feier. Es wird gegessen, getanzt, viel geredet. "Und das ist doch gut für Weihnachten", findet Abdullah.

Und da hat er ganz sicher recht. Denn was sonst lehrt uns schließlich das Fest der Feste: Wertvoll ist vor allem das Zusammensein in der Familie, wichtig ist es, dankbar sein, für alles, was uns geschenkt wurde. Und wenn das dann noch so fröhlich zugeht wie bei Abdullah, dann ist doch schließlich alles Gute beisammen - und das auf der ganzen Welt.

 

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