Mitten in einer arabischen Wüste taufte Gardelegens Pfarrer Horst Dietmann kürzlich ein Kind. Der kleine Friedrich Wernike wurde in Abu Dhabi geboren. Allerdings hat er altmärkische Wurzeln.

Hätte er die Strecke auf dem Straßenweg zurücklegen müssen, wären es genau 6215 Kilometer gewesen. Mit dem Flieger waren es nur 4763. Dennoch sei es eindeutig der längste Weg zu einer Taufe gewesen, den er je zurückgelegt habe, versichert Horst Dietmann lächelnd. Und ganz sicher war es wohl auch die ungewöhnlichste Amtshandlung in seiner Laufbahn.

Nun ist Gardelegens evangelischer Hirte aus Abu Dhabi zurückgekehrt. Aus jenem arabischen Emirat, das wunderschön und ebenso ungewöhnlich ist. Dort, mitten in der Liwa-Wüste, hatte er ein Kind getauft. Dabei begann alles ganz harmlos mit einem Ortsgespräch ...

"Willst Du nicht meinen Enkelsohn taufen?", hatte ihn Mitte September nämlich am Telefon der Gardeleger Herbert Wernike gefragt. Mit der Familie ist Dietmann gut befreundet. Klar, dass so eine Taufe Ehrensache für ihn ist. Der zweite Teil der Frage kam dann allerdings doch überraschend: "Würdest Du ihn auch in Abu Dhabi taufen?", hatte Wernike nämlich nach kurzer Pause hinzugefügt. "Und da musste ich dann doch erstmal schlucken", sagt Dietmann. Denn er habe zwar schon auf Hiddensee oder auch in Berlin Paare getraut. So eine Taufe mitten in der Wüste war ihm bislang aber natürlich noch nicht untergekommen.

"Meine Frau sagt immer, wir kommen nicht über die Alpen drüber"

Zudem gehörten solche heißen Regionen wie jene arabische eigentlich nicht zu seinen Reisezielen. "Meine Frau sagt immer, wir kommen nicht über die Alpen drüber", sagt er mit einem Augenzwinkern. Nach kurzer Bedenkzeit und nach Absprache mit seiner Dienstbehörde habe er dann aber schließlich doch zugesagt. Schließlich will er tatsächlich gern den Enkel seines Freundes taufen - Sohn Benjamin, den Vater des Täuflings, der seit Jahren in Arabien lebt und dort als Architekt arbeitet, kennt er schon seit seiner Kindheit - und außerdem reizt ihn diese Reise dann auch ein bisschen, gibt Dietmann zu. Eine solche Gelegenheit bekomme man wohl nur einmal im Leben. "Und warum", so denkt sich Dietmann, "soll der deutsche Pfarrer nicht nach Abu Dhabi kommen."

Und so setzt sich der Gardeleger Ende Oktober tatsächlich in den Flieger. Was ihn am Ziel erwartet, ist natürlich zunächst einmal ein sehr herzliches Willkommen. Benjamin Wernike und seine Frau Rosanna di Giuseppe, eine gebürtige Italienerin, nehmen "ihren" Pfarrer liebevoll auf. Gemeinsam mit ihrem ältesten Sohn Nils und dem kleinen Friedrich wohnen sie in einem Haus nahe der Hauptstadt Abu Dhabi. "Mitten in der Wüste", so Dietmann, den sein Gastgeber denn auch gern auf einige Touren durch ein Land mitnimmt, "dessen Geschichte noch ganz jung ist". Kein Haus in der Wüstenmetropole sei nämlich älter als 60 Jahre, erzählt Dietmann. Der Reichtum der Region sei schließlich erst mit den beginnenden Ölfunden vor gut einem halben Jahrhundert entstanden.

Dass immer noch reichlich von diesem schwarzen Gold vorhanden ist, spüre der Besucher indes auf Schritt und Tritt, beschreibt der Gardeleger. Denn in Abu Dhabi regieren die Superlative, herrscht "unglaublicher Reichtum". So steht Dietmann staunend vor Gebäuden, "die hier in Deutschland wohl niemand genehmigen würde".

Doch genau das sei natürlich auch ein Grund für ihn gewesen, in die Vereinigten Arabischen Emirate zu gehen, versicherte Benjamin Wernike seinem Gast. Dietmann kann das gut verstehen. "Hier können sich Architekten tatsächlich austoben", bestätigt er. Es gibt zum Beispiel keinerlei Denkmalschutz. Auf antik getrimmte Lehmbauten wechseln sich mit hochmodernen futuristischen Bauwerken ab. Noch immer muss Dietmann den Kopf schütteln, wenn er die Bilder seiner Reise anschaut. Die Eindrücke wirken nach. Verständlich angesichts der Fotomotive.

"Die Menschen haben einfach ein ganz anderes Lebensgefühl als wir"

Beeindruckend für ihn sei aber schließlich auch der Umgang mit den Ressourcen gewesen, beschreibt er weiter. So ziehen sich durch Abu Dhabi zum Beispiel "Millionen Kilometer von Wasserschläuchen. Alles, was grün ist, wird künstlich bewässert." Ansonsten würde in dem heißen Wüstensand alles verdorren. Wasser gibt es zwar reichlich im nahegelegenen Meer. Das aber ist hoch salzhaltig. Was hier die Pflanzen und Menschen ernährt, muss also aufbereitet werden. Doch die notwendige riesige Energiemenge dafür liefert problemlos das Öl des Staates.

Das speist auch die riesigen Klimaanlagen in den riesigen Autos und den Häusern oder die elektrischen Türen und jeden anderen Luxus. Sparen ist in Abu Dhabi ein Fremdwort. "Für jemanden aus unserem Land", wo immer überlegt wird, wie man sorgsam mit Wasser und Energieträgern umgehe, "auch im Kleinen", sei dies doch sehr verwirrend, gibt Dietmann zu. Zuweilen tut ihm die Verschwendung denn auch in der Seele weh. "Doch die Menschen dort haben einfach ein ganz anderes Lebensgefühl als wir", sagt er nachdenklich.

Was ihn schließlich sehr berührt, ist dann aber die Offenheit der Einheimischen gegenüber dem Fremden. Obwohl sich die muslimischen Frauen in dem arabischen Land streng an die Kleiderordnung des Koran halten - "von den meisten sieht man die Augen, einige sind allerdings auch komplett schwarz verschleiert" - die einheimischen Männer wiederum sind komplett weiß gekleidet. So sei das Bild auf den Straßen der Stadt dennoch kein schwarz-weißes, sondern ein sehr buntes. "Wenn man sich hier bei uns ein bisschen anders kleidet, fällt man gleich auf." Dort sei man für alles offen. Die Erkenntnis entschädigt Dietmann dann wohl schließlich auch für "die unglaubliche Hitze" und das Dröhnen der Klimaanlagen.

Und es ist am Ende dann natürlich vor allem die Taufe, für die sich der Aufwand ganz sicher lohnte. Und zwar auch für ihn selbst, wie Dietmann nachdenklich zugibt. Denn ein Zeremoniell wie dieses, er wird es sicher nie wieder erleben.

Der Pfarrer steht tatsächlich mitten in der Liwa-Wüste, als er das zweite Kind von Benjamin Wernike und seiner Frau Rosanna di Giuseppe - die erfolgreiche Unternehmerin hatte ihren Mann in Berlin kennengelernt und ihn nach Arabien begleitet - über das Taufbecken hält.

"Wir drehen zu Hause einfach nur den Wasserhahn auf"

An einer Wasserstelle, rund einen Kilometer von einem Hotel entfernt, hat die Familie Kissen auf den Wüstensand gelegt, die Taufschale auf einen einfachen Tisch gestellt, mit deren Wasser Dietmann den Jungen schließlich auf den Namen Friedrich tauft, ihn damit in die christliche Gemeinschaft aufnimmt und segnet. Als Geschenk bekommt Friedrich eine Taufkerze, auf die Küster Hans-Otto Bohlecke die Silhouette der Westfront der Gardeleger Marienkirche gezaubert hat.

Als Taufspruch gibt Dietmann dem Kind schließlich den 23. Psalm mit auf den Weg. Und dessen Zeile "Du führest mich zu frischem Wasser" sei ihm - angesichts der unendlichen Dünen rings um die derzeit ausgetrocknete Wasserstelle - selbst wohl noch nie so nah gegangen, beschreibt Dietmann. "Wir drehen zu Hause einfach nur den Wasserhahn auf." Welch ein Widerspruch, welch Kontrast zu unserem Leben und dem anderer Völker oder den Menschen in früheren Zeiten bestehe, das sei ihm dort sehr bewusst geworden, versichert der Pfarrer.

Und so wird Dietmann, der selbst schon unzählige Kinder und Erwachsene taufte, diese eine ganz besondere wohl nie vergessen. Deren Tauffest mit der Familie und den Paten des kleinen Friedrich geht übrigens mit Liedern, "Orgelspiel auf der Gitarre" und Gesprächen auf den Kissen im Sand noch ein bisschen weiter, dort mitten in der Wüste - und es geht an jenem Tag schließlich mit einem wunderschönen Sonnenuntergang zu Ende, der "viel schneller geht als bei uns", aber ein unvergleichliches Erlebnis gewesen sei, wie Dietmann beschreibt. "Dieses Timing hat einfach perfekt gestimmt."

Zurückgekehrt von der spannenden und weiten Reise, hat Dietmann übrigens aber nicht nur wunderbare Erinnerungen im Gepäck, von denen er vor allem seiner Familie berichten will, sondern auch einen echten arabischen Schal als Geschenk für seine Frau. Und um den hat der Pfarrer doch tatsächlich "selbst gefeilscht", wie er lachend zugibt. Und dabei ist da so ein Funkeln in seinen Augen, dass man ihm eigentlich gar nicht so recht abnimmt, wenn er sagt: "Eigentlich bin ich ja gar kein Reisevogel ..."

   

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