Sommerzeit ist Urlaubszeit. Auch für Werner Agatz. Für ihn ging es von Berlin nach Waldliesborn in Nordrhein-Westfalen. Im außergewöhnlichen Reisemobil, denn Agatz bewältigte die gut 1500 Kilometer im Rollstuhl.

Genthin/Schopsdorf l Aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen. Das könnte das Motto von Werner Agatz sein. Ursprünglich wollte der 57-Jährige nur seine 83-jährige Mutter in Nordrhein-Westfalen besuchen. In Berlin zu-, in Lippstadt aussteigen und mit dem Rollstuhl zur Mutter fahren - so hatte Agatz sich das gedacht, seine Rechnung aber ohne die Bahn gemacht. Die schloss einen Transport des Rollstuhls kategorisch aus. Begründung: Überlänge.

Mit einem normalen Rollstuhl wäre der Bahntransport kein Problem gewesen, aber Agatz verzichtete lieber auf die Bahn als auf sein liebgewonnenes Mobil. Bis zu 15 Stundenkilometer wird es schnell und schafft bis zu 60 Kilometer am Stück, bevor die Akkus aufgeladen werden müssen.

Nach dem Start am 7. Mai in Berlin führte Werner Agatz seine fünfwöchige Tour unter anderem nach Potsdam, Brandenburg, Magdeburg, Helmstedt, Braunschweig und Peine.

Auch ein Stopp in Genthin fehlte auf der Route nicht. "Der Weg war abenteuerlich", sagt Agatz. Gut zwei Stunden brauchte er von Burg in die Kanalstadt. "Vorzugsweise nutze ich mit meinem Gefährt Radwege." Zwischen Burg und Genthin ist allerdings keiner in Sicht und so ging es die B1 entlang. "Natürlich hält man den Verkehr auf und hat Angstmomente auszustehen, aber es gibt keine Alternative zur Bundesstraße." Noch mehr Angst als auf dem Weg nach Genthin hätte er allerdings in Wernigerode gehabt. Dort rollte sein Reisemobil auf dem Weg hoch zum Schloss plötzlich mit 40 Stundenkilometern rückwärts. "Der Weg war nicht zum Bremsen geeignet. Mir ist es dann aber gelungen, in einem Kiesbett zum Stehen zu kommen."

Zum Stehen kam er auch erst einmal vor den Toren Genthins, denn die Tangente am Ortseingang ist für sein Gefährt eigentlich tabu. "Es gibt aber keine Schilder, wie man mit Rad oder Rollstuhl ausweichen könnte." Es blieb also nur der verbotene Weg über die Tangente. Das ist ein Fazit, das Agatz aus seiner Reise zieht: In puncto Radwege gibt es im gesamten Bundesgebiet Nachholbedarf. Auch zur nächsten Station, Schopsdorf, führte nur teilweise ein Radweg. Nach seiner Tour dürfte Agatz jetzt als Experte für Radwege durchgehen. Und als Profi für behindertengerechte Zimmer. Davon brauchte der Gehbehinderte auf seiner Reise schließlich etliche. "Auch hier gibt es noch viel zu tun", sagt Agatz überzeugt und zählt auf: "Zu tiefe Betten und Steckdosen, kein Hocker in der Dusche. So sah mein Reisealltag aus."

Sein Trip hat sich trotzdem gelohnt. "Meine Mutter ist 83, wer weiß, ob wir noch einmal Gelegenheit für einen gemeinsamen Urlaub haben." Außerdem hat Agatz während seiner Tour Spenden für den Verein "Hilfe für Schädel-Hirngeschädigte" gesammelt. Er selbst leidet an einem "Schrumpfhirn", aus dem seine Gehbehinderung resultiert. Als Dankeschön für jede Spende gibt es von Agatz eine selbstgestaltete Postkarte. Und noch einen Grund gibt es, warum er seine Reise nicht bereut: "Ich habe nette Menschen kennengelernt und tolle Gespräche geführt." Man kann eben nicht nur aus Steinen etwas Schönes bauen, sondern auch auf Umwegen viel Interessantes erleben.