Ihren 100. Geburtstag hat Natalia Netzel gestern im "Kastanienhaus" in Güsen gefeiert. Dank ihres großen Lebensmuts hat sie ein wechselvolles Leben gemeistert und sich von Schicksalsschlägen nicht unterkriegen lassen. Gut umsorgt fühlt sie sich heute und freute sich über die vielen guten Wünsche.

Güsen/Zerben. Geboren ist Natalia Netzel in Neu Emilien in dem Teil des damaligen Wolhynien, das zu jener Zeit Teil Sowjet-Russlands war.

1939 hat die Familie aufgrund eines Staatentauschs mit Deutschland die Heimat verlassen müssen und zog in den Warthegau im heutigen Polen. Am 16. Januar 1945 mussten sie auch dieses Gebiet verlassen und flüchteten mit Pferd und Wagen in Richtung Deutschland. Am 18. Februar 1945 trafen sie in Schleesen bei Wittenberg ein.

Mit Pferd und Wagen nach Deutschland

Von dort ging es 1946 - ebenfalls mit Pferd und Wagen - weiter nach Zerben, denn hier im Dorf hatten die Eltern von Natalie Netzel in ihrer Kindheit als Schnitter gearbeitet. Hier haben sie bis 1948 im Schloss wohnen können, bis ihnen durch Bodenreform und Neubauernprogramm ein Stück Land zugeteilt wurde, auf dem sie bauen konnten. Sie seien damals als erste ins neue Haus gezogen, als noch nicht mal Türen eingebaut und statt dessen Decken davor gehängt waren, berichtete einer der Söhne von Natalia Netzel.

Acht Kinder hatten Natalia Netzel und ihr Mann, der bereits 1989, kurz vor seinem 85. Geburtag, verstorben ist. Auch vier ihrer Kinder und zwei der neun Enkel leben nicht mehr. Weiterhin gehören neun Urenkel und bereits fünf Ururenkel zur Familie.

Seit 2007 wohnt Natalia Netzel im Kastanienhaus in Güsen. Sie fühlt sich wohl hier, verfolgt immer noch die Tagespresse und sieht eigentlich gar nicht aus wie eine Hundertjährige. Zwei Jahrzehnte könnte sie getrost "wegschummeln" und sich als Achtzigjährige ausgeben - und das ganz ohne sich je geschont zu haben. Im Gegenteil: Jahrzehntelang hat Natalia Netzel in der Landwirtschaft gearbeitet und hat dabei auch noch ihre acht Kinder großgezogen.

Von Kindern hat sie gestern auch ein Geburtstagsständchen bekommen: Eine Gruppe der Güsener Kita kam zum Gratulieren.