Selbstloser Einsatz vieler Helfer, heftiges Ringen um richtige Entscheidungen, enormer Zeitdruck, der Nerven kostet, weil es um Wohl und Wehe vieler Menschen und ihres Eigentums ging - daran erinnert sich Landrat Lothar Finzelberg, wenn er an den Flutsommer 2002 denkt.

Burg/Genthin l An den 19. August 2002 kurz nach 22 Uhr erinnert sich Lothar Finzelberg noch ganz genau. "Ich erhielt den Anruf, dass das Siel am Deich bei Heyrothsberge gebrochen ist." Höchste Gefahr und höchste Not. Strömungswirbel, verursacht von alten Weiden in der Nähe, hatten das Siel ausgespült und den Bruch verursacht. THW-Leute können sich geradeso in Sicherheit bringen. Ein Unimog wird in die Fluten gerissen.

Finzelberg, Chef des Katastrophenschutzstabes im Kreis, fährt zum Ort des Geschehens. Unmengen an Wasser drücken aus der Umflut in die Niederung. Die Lücke im Deich wird von Minute zu Minute größer. Ein Transporthubschrauber der Bundeswehr soll mit tonnenschweren Sandsäcke den Bruch schließen. Bahnschwellen werden aus Königsborn geholt. Es hilft nichts, der Bruch lässt sich nicht schließen.

21 Feuerwehren, das Technische Hilfswerk, die Bundeswehr und die vielen Freiwilligen der betroffenen Gemeinden konzentrieren sich am Morgen auf den Bau eines 600 Meter langen Deiches zwischen Ober- und Unterdorf und entlang der B 184 und der Bahnstrecke. Damit soll ein Rückfluss nach Biederitz und auch Gerwisch verhindert werden.

Das Schließen oder Offenlassen des Bruchs wird zu einer Kardinalfrage. In Königsborn, so erinnert sich Finzelberg, habe er eine Debatte mit einem hochrangigen Regierungsvertreter gehabt. Der hatte die Schließung des Deiches gefordert. Finzelberg lehnt ab: "Das Wasser wäre doch nicht mehr abgeflossen, wenn die Pegel sinken. Der Bruch musste offen bleiben, nachdem wir ihn nicht hatten schließen können." Daraus erwächst später ein Vorwurf, der sogar vor Gericht landet, aus den betroffenen Orten, der Katastrophenstab hätte nicht richtig gearbeitet. "Das hat mich getroffen. Das werde ich mein ganze Leben nicht vergessen", blickt Finzelberg zurück. 2008 stellt ein Gericht fest, dass dem Stab und seinem Chef eine schuldhafte Amtspflichtverletzung nicht nachgewiesen werden konnte, so Finzelberg. Bittere Erinnerungen und Narben bleiben, wohl auf beiden Seiten.

Für Finzelberg bleibt vor allem auch eines: "Das große Engagement der vielen, vielen Helfer im Hochwasser, beim Beseitigen der Schäden wie auch beim sinnvollen Verteilen der Spenden".

Ohne Anekdoten ging auch die Zeit der Katastrophe nicht ab. Finzelberg: "Aus Biederitz hatte ich gehört, dort würde ein Mann von sich sagen, er würde im Auftrag des Landrates den Katastrophenschutz organisieren. Den wollte ich kennenlernen." Dort traf er Stefan Bruns, heute Leiter der Berufsbildenden Schulen im Jerichower Land. "Damals kannten wir uns noch nicht, heute sind wir per Du. Ich fand es klasse, wie jemand in schwieriger Lage, die Initiative ergriff, zupackte und leitete."

Deich und Siel bei Heyrothsberge waren bald nach der Flut wieder auf neuestem Stand erneuert. "Wir haben im Jerichower Land überdurchschnittlich viel geschaffen", schätzt Finzelberg den Hochwasserschutz im Kreis heute ein. Das Land hatte enorme Mittel bereitgestellt, um Deiche und Anlagen zu ertüchtigen. Ebenso wichtig wurde die so genannte zweite Verteidigungslinie. Ein Siel bei Gerwisch entstand, das Rückhaltebecken bei Ladeburg wurde aufgerüstet. Der Deichschluss bei Biederitz ist in Bau. Jerichow erhielt eine mobile Deichanlage. Konzepte für Deichbruchszenarien für das Ehlegebiet, Parey und Jerichow liegen vor oder sind in Arbeit.

Zu tun bleibt noch einiges: Bei Heyrothsberge soll ein weitere Siel gebaut werden. Nahe Gerwisch muss ein Deich ertüchtigt werden ...

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