Auf den Versuchsfeldern rund um Böhnshausen hat die Ernte der neuen Getreidesorten begonnen. Wie vor mehr als 100 Jahren werden die Ähren von Hand abgeschnitten. Dutzende Helfer unterstützen die Nordsaat-Mitarbeiter dabei.

Langenstein/Böhnshausen l Während auf vielen Feldern gegenwärtig riesige Mähdrescher ihre Runden drehen, sieht es auf den Schlägen rund um Böhnshausen aus wie vor über 100 Jahren. Dutzende Helfer sind dabei, die Ähren von Hand abzuschneiden und in bereitgelegte Säcke zu packen. Keine leichte Aufgabe bei der Sommerhitze.

In einer Dreiergruppe wird Nordsaat-Mitarbeiterin Elke Rhien von der Halberstädter Studentin Hannah Wegner und dem Abiturienten Christoph Jarchow unterstützt. "Das wird wieder ein anstrengender Arbeitstag, so ganz ohne Schatten", sagt die langjährige Laborantin. Sie arbeitet seit 1976 in dem Betrieb, im Winterhalbjahr im Saatzuchtlabor und im Sommerhalbjahr muss das Getreide auf den Versuchsfeldern begutachtet und sorgfältig geerntet werden.

Die Saatzucht ist nach Angaben der Experten eine langwierige Angelegenheit. Über einen Zeitraum von zehn Jahren werden von rund 100 000 Ausgangspflanzen die wenigen Sorten herausgezüchtet, die den geplanten Anforderungen an Ertrag, Krankheitsresistenz, Qualität, Standfestigkeit und Ökostabilität entsprechen. Die Zucht beginnt mit der Aussaat in fünf großen Vogelschutzhäusern, um keine Vermengung zuzulassen.

In den Folgejahren wird durch weitere Selektion an den Zuchtzielen gearbeitet. Dazu befinden sich auf den Feldern rund um Böhnshausen Zuchtgärten mit oft nur einen Quadratmeter großen Teilflächen, die getrennt geerntet werden. Dafür greift das Unternehmen gern auf die Hilfe von Studenten und Schülern zurück. Sie sind mit Sack und Sichel im Einsatz, um alle positiv selektierten Stämme abzuschneiden. "Wir sind jetzt in der A-Stufe", berichtet Elke Rhien. Mit geschultem Auge wurden vor der Ernte die 18 je etwa einen Quadratmeter großen Kleinflächen einer neu zu erprobenden Sorte begutachtet und davon die vier bis fünf ausgesucht, die offensichtlich den Zuchtzielen am nächsten kommen. Jedes Zuchtjahr wird die Fläche größer und später kann der Bereich mit Kleinstmähdreschern getrennt geerntet werden. Dutzende Eigenschaften, bei Braugerste sogar bis zu 200 verschiedene, müssen laufend überprüft werden.

Im siebten Jahr erfolgt die Leistungsprüfung mit dem Vergleich mit den aktuell zugelassenen Sorten. Nach etwa zehn Jahren werden aus einem Versuch etwa zwei bis drei neue Sorten angemeldet. Die Prüfung durch das Bundessortenamt dauert nochmals bis zu fünf Jahre.