Halberstadt l Ein Auftakt nach Maß erlebten am Sonnabend die Halberstädter Domfestspiele. Traditionell gehört der Festspielsonnabend der Kirchenmusik. Die Kantorei aus Halberstadt und die der Marktkirche Halle boten Kirchenmusik vom Feinsten. Mit Georg Friedrich Händels "Israel in Egypt" erklang ein selten zu hörendes Werk des barocken Meisters.

Die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten gestaltete Händel plastisch, mit liedhaften Passagen ebenso wie mit der ganzen perlenden Festlichkeit barocker Musik. Die rund 100 Sänger bildeten gemeinsam mit dem Neuen Leipziger Barockensemble vor dem rötlich angestrahlten Gewölbe des Westportals eine eindrucksvolle Kulisse.

Chor und Orchester sind in diesem Oratorium ohnehin die Hauptakteure. 28 Chorsätze stehen vier Arien, drei Duette und drei kurze Rezitative der Solisten gegenüber. Wenn auch nur vergleichsweise kurz, boten die Solisten des Abends beeindruckende Leistungen. Nicht nur Robert Macfarlane, der mit seinem gut verständlichen Tenor und großer Spiellust den Texten nachdrückliche Wirkung verlieh. Auch Regina Pätzer, die kurzfristig für die erkrankte Kathrin Hildebrandt eingesprungen war, meisterte die Spannweite des tiefen Alts bis in Sopranhöhen meisterhaft, gab den typischen Kolloraturen Glanz. Gesine Adler als Dritte im Bunde entfaltete ebenfalls die ganze Strahlkraft barocker Tonkaskaden.

Gebannt lauschte das Publikum der fast zweistündigen Aufführung, erlebte die sich - klanglich meisterhaft dargestellte - ausbreitende Finsternis in Ägypten, den Schrecken der wie eine Furie einschlagenden Tötung aller Erstgeboren, den Ekel vor dem sich in Blut verwandelnden Gewässern, den Schwären und Eiterbeulen an Mensch und Tier. So klar vorstellbar wie die herunterprasselnden Hagelkörner auch die tosenden Wellen, als die Soldaten des Pharao vom Roten Meer verschlungen werden, während die Israeliten mit Moses an der Spitze trockenen Fußes das gegenüberliegende Ufer erreichen.

Während im ersten Teil des Oratoriums die alttestamentarische Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt wird, wird das Geschehen im zweiten Teil reflektiert, steht die Lobpreisung Gottes stärker im Mittelpunkt, was sich auch in der Musik spiegelt. Weniger liedhaft, dafür festlich-raumgreifend. Mit dem Lobgesang Miriams "Singt dem Herrn ein Lied" endet das Oratorium. Die hervorragend harmonierenden Solisten, ein glänzend agierender Chor - dem man im Solopart der Männer ein paar singende Herren mehr gewünscht hätte - und ein Orchester, dem man die Vertrautheit mit der Aufführung barocker Musik nicht nur am Einsatz selten zu erlebender Instrumente anmerkte - all das begeisterte das Publikum, das stehend minutenlang applaudierte. Was nicht nur Kantor Irenée Peyrot aus Halle und Domkantor Claus-Erhard Heinrich sichtlich mit Stolz erfüllte. Angesichts dieser grandiosen Aufführung darf man gespannt sein, womit das Publikum bei den Domfestspielen 2016 überrascht werden wird.