Halberstadt l Einsätze mit unschönen Nebenschauplätzen? Alexander Beck, Chef der Ortsfeuerwehr Blankenburg, hat einen Fall noch direkt vor Augen: "Wir mussten in der Marktstraße in Blankenburg bei einem medizinischen Notfall helfen. Es galt, eine teilweise unbekleidete Frau mittels Drehleiter aus der vierten Etage zu retten. Ein Passant hat sich direkt neben uns hingestellt und mit der Videokamera voll draufgehalten", berichtet der Oberbrandmeister. Jegliche Versuche, den Mann zum Einlenken zu bewegen, seien ins Leere gelaufen. "Er hat sich auf seine Grundrechte berufen und jegliche Pietät vermissen lassen." Konsequenz für die Feuerwehr: "Wir mussten schließlich die Polizei rufen und ihm mit einem Platzverweis in die Schranken weisen lassen."

Ein, wie Beck findet, besonders krasser Fall. Einer jedoch, der mit zig anderen in einem Punkt vergleichbar sei. Immer öfter sehen sich Feuerwehrleute, Notärzte und Rettungssanitäter aber auch Polizisten bei Einsätzen mit zusätzlichen Herausforderungen konfrontiert: Autofahrer und Passanten zetteln Diskussion an, stellen den Sinn und Umfang von Absperrungen in Zweifel und sorgen zuweilen sogar für brenzlige Situationen, heißt es unisono.

Gewissermaßen exemplarisch ist ein Fall, der gegenwärtig vor dem Amtsgericht Wernigerode verhandelt wird. Ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Blankenburg soll dabei, so der Vorwurf, bei der Absperrung eines tödlichen Unfalls von einem Autofahrer angefahren und körperlich attackiert worden sein. Der ehrenamtlich tätige Feuerwehrmann war eingesetzt, um einen Feldweg parallel zur B 6 abzusperren, damit beim Bergen zweier Brandleichen keine Gaffer zuschauen oder Videokameras laufen.

"Die Sache war damit doch ganz klar: Wenn der Feuerwehrmann mit der Absperrung beauftragt war, hat er hoheitliche Aufgaben wahrgenommen. Dem haben Autofahrer Folge zu leisten", stellt Polizeihauptkommissar Jürgen Rudolf vom Polizeirevier Harz klar. Schließlich sei die Straßenverkehrsordnung eindeutig: "Wer mit Uniform auf der Straße steht, darf nicht umgefahren werden. Jeder normale Mensch weiß das und akzeptiert das."

Generell bestätigt der Hauptkommissar, was Feuerwehrchef Beck am Einzelfall verdeutlicht hat: Die Pietät bleibe immer öfter auf der Strecke. Und die Tendenz, Entscheidungen - egal, ob von Polizei, Feuerwehr oder Rettungskräften - zu diskutieren und anzweifeln, nehme zu. Wenn in einigen Bundesländern bei Unfällen schon mobile Einsatzwände zum Einsatz kämen, um Unfallopfer vor Gaffern abzuschotten, spreche diese Entwicklung für sich, sagt Rudolf.

In der Tat beklagen Polizei und Rettungsdienst mehr denn je auch den "Wettlauf" zwischen der Verbreitung von Bildern und Informationen in sozialen Netzwerken einerseits und der Benachrichtigung von Angehörigen andererseits. "Neulich, beim tödlichen Unfall auf der B 244 bei Schmatzfeld haben wir diesen ,Wettlauf` zum Glück gewonnen", so einer der Retter. Mitunter werde dieser "Wettlauf" aber verloren. Und nichts sei schlimmer, wenn Angehörige via diverser Netzwerke von tragischen Unfallfolgen erfahren.

Von den vielen Zwischenfällen am Rande von Einsätzen kann auch der Harzer Kreisbrandmeister und Chef der Kreis-Leitstelle, Kai-Uwe Lohse, ein Lied singen: "Früher haben wir bei Unfällen auf der vierspurigen B 6 den Verkehr oft einspurig vorbeileiten können." Das sei heute - schon aus Sicherheitsgründen - kaum noch möglich. "Da wird zu schnell gefahren, gegafft und gefilmt und mitunter noch in kritischen Situationen überholt. Das ist manchmal wie Kleinkrieg. Pöbeleien bis hin zu Handgreiflichkeiten sind fast schon Alltag. Oft ist die Ordnung an Einsatzstellen nur mit Hilfe der Polizei durchzusetzen", so Lohse.

Der zunehmende Trend, dass "jeder auf sein eigenes Recht pocht" beklagt auch der Halberstädter Feuerwehrchef Jörg Kelle. "Das fängt bei Blaulicht-Fahrten an, wo manch` einer den Weg nicht freimacht, und endet bei Passanten, die einfach durch Einsatzstellen laufen, sich in Gefahr begeben oder mit uns diskutieren. Die Tendenz, dass der Respekt vor uns und unserer Arbeit ebenso sinkt wie die Unterstützung, ist leider real", so Kelle.

Dabei, erinnern sowohl Kelle als auch Lohse, sollte man sich stets vor Augen halten, dass hier fast immer freiwillige Feuerwehrleute im Ehrenamt tätig seien. Dass sie einiges riskieren, sei eine Seite der Medaille. Am Rande von Einsätzen aber noch unnötig in Gefahr zu geraten, sei die andere und völlig inakzeptabel.

"Dabei wollen wir doch nur, dass sich jeder an die angezeigten Regeln hält", begründet Lohse seinen "kleinen Appell an die Normalität". Oft sei es aber wie beim Fußball: "25 000 Zuschauer, die zugleich 25 000 Schiedsrichter sind und alles besser wissen als die Profis."

Apropos Profis: Blankenburgs Ortswehrleiter Alexander Beck hat noch zig andere Beispiele parat, wo Einsatzkräfte behindert oder gefährdet worden seien: "Bei einer Löschübung in einer Tiefgarage wurden wir von drei Jugendlichen wüst beschimpft und obendrein mit Steinen beworfen. Wir mussten die Polizei rufen." Beim Beseitigen einer Ölspur in der Blankenburger Lerchenbreite sei ein Kamerad von einem rücksichtslosen Autofahrer beinahe mit dem Fahrzeug eingeklemmt worden.

Und ein makaberer Einsatz ist dem 29-Jährigen auch noch in Erinnerung: Ein Kind hatte bei einem Volksfest versucht, mit der Hand aus einem Automaten mit Geschicklichkeitsspiel ein Plüschtier herauszuangeln und war steckengeblieben. "Der Notarzt war vor Ort, der Zustand lebensbedrohlich und wir - Arzt, Feuerwehr und das Kind - wurden von den Standbetreibern heftig beschimpft und behindert." Auch hier habe schließlich Polizei einschreiten müssen. "Bei so etwas", sagt Alexander Beck, "fehlen mir die Worte".