Halberstadt l Oberschenkelknochen und andere Skelettteile liegen im Erdreich neben der Grube, die für die Verlegung neuer Gasrohre in der Schützenstraße ausgehoben wird. Leser der Volksstimme wenden sich an die Lokalredaktion. Die Knochen haben fast den selben Farbton wie die umgebende Erde, für die Baggerfahrer sind sie kaum zu erkennen.

Auf Nachfrage der Volksstimme wenden sich die Stadtwerke als Auftraggeber an die Untere Denkmalschutzbehörde. "Wir hatten alle erforderlichen Genehmigungen vorliegen", sagt Frank Neumann, Sprecher der Halberstadtwerke. Schließlich sind es nicht die ersten Erdarbeiten, die das Versorgungsunternehmen in Auftrag gibt. Die Stadtwerke und der bauausführende Betrieb suchen das Gespräch mit Dr. Oliver Schlegel, dem Chef der in der Landkreisverwaltung angesiedelten Unteren Denkmalschutzbehörde.

Wie Schlegel auf Volksstimme-Nachfrage berichtet, habe er sich die Schachtungen zu den Leitungstrassen in der Schützenstraße angesehen. Er kritisierte, dass er erst benachrichtigt worden sei, nachdem es Leseranfragen dazu in der Halberstädter Volksstimme gegeben hatte.

Auf der Baustelle in der Schützenstraße zeigte sich, dass der Trassengraben nur 60 Zentimeter breit ist und bis zu 1,20 Meter in die Tiefe reicht. "Der Graben greift teilweise in das spätbarocke bis frühneuzeitliche Friedhofsareal ein", sagte Schlegel. Im späten 18. Jahrhundert war im Wall-Grabenbereich der mittelalterlichen Stadtmauer ein Friedhof installiert worden, der bis 1945 bestanden habe, so Schlegel. Nach der umfangreichen Zerstörung 1945 wurde laut Schlegel "mit der sozialistischen Stadtplanung der Friedhof säkularisiert und in die Grünanlage des Stadtwalles integriert. Heute ist der ehemalige Friedhof obertägig nicht mehr erkennbar."

Da der aktuelle Trassenverlauf den Kabel- und Leitungstrassen der 1960er bis 1990er Jahre folge, "waren im Aushub auch nur noch wenige menschliche Knochen auffindbar. Der Trassenverlauf war durch vorhergehende Schachtungen bereits tiefgründig gestört und komplette Skelettlagen daher in den Grabenprofilen nicht mehr auffindbar. Eine archäologische Dokumentation erübrigte sich demnach", sagte der Archäologe.

Es sei mit den Verantwortlichen vor Ort vereinbart worden, "die vereinzelt auftretenden, verlagerten menschlichen Knochen aus dem Aushub aufzusammeln und diese bei Verfüllung wieder zuunterst in den Trassengraben einzulegen", so Schlegel.

Laut Stadtchronist Werner Hartmann war der Friedhof 1775 von der Martinigemeinde eingerichtet worden und bestand bis 1872. Im Jahr 1905 habe dann die Stadt das Areal erworben, auf dem auch ein Bürgermeister der Stadt seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Benjamin Lieberkühn wurde hier 1789 bestattet, der die Stadt während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) vor der Zerstörung durch österreichische Truppen gerettet hatte.

Diese Fakten sind es, die die Halberstadtwerke zu einer neuen Überlegung führen. "Wir sind derzeit im Gespräch darüber, ob wir in der Grünanlage der Schützenstraße nicht eine kleine Erinnerungstafel aufstellen sollten, die auf den einstigen Fiedhof und Lieberkühn im Besonderen hinweist", sagte Frank Neumann.