Da meinen es junge Eltern gut und holen einen Festtagsbraten als Attraktion lebend ins Haus, bleiben aber doch hungrig am Weihnachtstisch sitzen. Und das Kind ist obendrein verschreckt. Nach einer wahren Begebenheit.

Blankenburg l "Alle reden immer vom leckeren Silvesterkarpfen, lasst uns mal einen Weihnachtskarpfen zubereiten!", sagte der junge Vater (24) recht großsprecherisch zu Frau und Kind. Das war Ende der 1970er Jahre, und so einfach nicht.

Zunächst musste ein großer Eimer gefunden werden, dann ging\'s per Fahrrad zu einem Fischladen, der Karpfen "führte", wie es hieß. In Blankenburg gab\'s damals Karpfen massenweise - und alle lebend. Daran hatte die junge Familie allerdings nicht gedacht. "Warum nicht, der Junge freut sich bestimmt!", meinte sie aber optimistisch und hatte dann zu tun, den schweren, sehr munteren Fisch im Schneetreiben nach Hause zu bugsieren. Platsch hier, Schwapp da - sie schafften es.

"Oooh, wie groß der ist!", staunte der Sohn (3) und freute sich sehr. Doch wie weiter? Eine Plastik-Babybadewanne, knallorange, war zum Glück noch im Haus. "Wie für Karpfen gemacht!", frohlockte der Vater. Flugs wurde die Wanne zum Fischbecken - und fürs Kind zu einem regelrechten Ozeanum in der Stube, gleich hinter dem Raumteiler. Immer wieder sprang der Karpfen fröhlich oder einfach so in die Höhe, um laut klatschend wieder in seine Wanne zu tauchen. Manchmal gluckste der Fisch auch nur ganz leise, fast liebevoll, was vor allem abends beim Musikhören bald zu einem vertrauten Geräusch wurde. Immer wieder stand die Familie gemeinsam oder einzeln an der Wanne, schaute gebannt auf das Wassertier ...

So wurde aus der Dreierfamilie unmerklich quasi eine vierköpfige. Der Sohn gab dem Fisch einen Namen, "Elbi", und dieser planschte so vor sich hin, während das Fest unaufhaltsam näher rückte.

Plötzlich war Weihnachten. Meerrettich, Lorbeer, Kartoffeln und Essig waren parat. Der Karpfen guckte aus dem Wasser - der Vater hinein. Ein altes Kochbuch zeigte zum Glück nicht nur, wie ein Fischfilet in den Ofen zu schieben ist, sondern den Kochvorgang vom blutigen Anfang an: Tuch über den Fischkörper, festhalten, und kräftig mit dem Fleischklopfer auf den Karpfenkopf hauen! - "Auf ,Elbis Kopf?", fragte das Kind zaghaft. "Ja, das muss sein", log der Vater, nahm aber sicherheitshalber erstmal einen herzhaften Schluck Cognac, "Wilthener Auslese", sollte eigentlich ein Geschenk sein.

Der eine Schluck reichte aber nicht, um grausam genug zu werden. Nach drei Gläsern glückten der Fischfang in der Wanne und die Betäubung; nun konnte das Schlachten beginnen. Frau und Kind rannten aus der Küche. Dem Vater zitterten ob der Gewalttat des gefühlten Fischmordes etwas die Glieder. Zwei weitere Schnäpse halfen dagegen.

Nun gelang das Ausnehmen des Karpfens auch gleich viel besser. Bei Frau und Kind, neugierig zurückgekehrt, zeigte sich indes leichter Unwillen im Gesicht. Schließlich brodelte der würzige Sud im Topf, und der Karpfen wurde darin zur Freude aller tatsächlich blau. Der Vater langsam auch.

Irgendwie stand dann der große und innen unschuldig weiße Fisch dampfend auf dem Tisch. Die Familie schweigend drumherum. "Kein Hunger", sagte der Sohn leise, aber bestimmt, vielleicht auch mit einem Anflug von Ekel. Den Namen "Elbi" wagte niemand auszusprechen, aber er schwebte irgendwie über dem Tisch. Gegessen wurde dann fast nichts, es gab ja noch die Futtertonne. Dahinein wanderte das Festmahl, offiziell "wegen der Gräten".

Einen Karpfen hat es in der Familie dann nie wieder gegeben. Jedenfalls nicht zu Weihnachten.