Andere Länder, andere Sitten. Weihnachten wird in vielen Ländern ganz unterschiedlich gefeiert. Familie Wynokur ist vor neun Jahren aus der Ukraine nach Halberstadt gekommen, hat ihre Traditionen mit den deutschen vermischt.

Halberstadt l Elena Wynokur ist mit ihrem Mann und ihrer Tochter vor neun Jahren vom ukrainischen Chernihiv nach Halberstadt gezogen. Sie ist Köchin im Café Hirsch, zaubert den Gästen jüdische, russische und ukrainische Gerichte auf die Teller.

In ihrer Heimat wird Weihnachten nach dem julianischen Kalender gefeiert, fällt also auf den 7. Januar. Die Bräuche ähneln den russischen Traditionen, Allerdings wird Silvester wiederum nach dem gregorianischen Kalender begangen. Das neue Jahr beginnt am 14. Januar. Weihnachten steht vor allem im Zeichen der Familie. Es wird auch den verstorbenen Verwandten gedacht.

40 Tage vor dem Fest beginnt die Fastenzeit, Fleischgerichte und Alkohol werden gemieden. "Am 6. Januar essen wir tagsüber nur ein bisschen", erzählt Elena Wynokur. "Zum Essen habe ich sowieso keine Zeit, weil ich den ganzen Tag nur mit Kochen beschäftigt bin." Wenn der erste Stern am Abendhimmel zu sehen ist, beginnen die Feierlichkeiten. Mit dem aufgehenden Stern wird an die Suche der Hirten nach dem Heiland gedacht. Zum Abendessen werden enge Verwandte eingeladen, die alle zusammen das Essen kochen. Traditionell wird im Hause des ältesten Familienmitglieds gefeiert. Da Familie Wynokur ihre Verwandten in der Ukraine zurückgelassen hat, feiern sie zu Dritt bei sich zu Hause im kleinen Kreis.

Bevor das Essen aufgetischt wird, wird unter die Tischdecke und auf den Fußboden Heu verteilt. Damit soll an die Atmosphäre zur Geburtsstunde Christi im Stall erinnert werden. Auf diesen Brauch verzichtet die Familie jedoch zu Hause.

Zu essen gibt es zwölf verschiedene Gerichte im Zeichen der zwölf Apostel. Zuerst wird das wichtigste Gericht, die Kutja, eine Süßspeise aus gekochten Weizenkörnern, gemahlenem Mohn, Walnüssen, Honig und Rosinen, aufgetischt. Eine weitere wichtige Speise ist Uswar, ein flüssiges Früchtekompott, das zu den Gerichten getrunken wird.

Auch das Nationalgericht, Borschtsch, darf nicht fehlen. Da jedoch wegen der Fastenzeit noch immer auf Fleisch verzichtet wird, werden der Suppe lediglich Rote Bete oder Weißkohl hinzugefügt. Außerdem gibt es Hering, Teigtaschen gefüllt mit Sauerkraut oder Pilzen, verschiedene Salate und Weißbrotschnittchen. "Das Essen kann dann drei bis vier Stunden dauern", berichtet Elena Wynokur. Das richtet sich nach der Anzahl der Gäste. "Wenn die Gerichte abgeräumt werden, bleibt die Kutja über Nacht stehen zum Gedenken an die Seelen der verstorbenen Verwandten."

Die Fastenzeit ist offiziell am ersten Weihnachtstag, dem 7. Januar, vorüber. Vormittags steht der Besuch der Kirche an. Danach werden die entfernteren Verwandten besucht. Familie Wynokur schaut bei Freunden und Bekannten vorbei. Abends schaltet sie russisches Fernsehen ein, wenn der Weihnachtsgottesdienst live aus Moskau übertragen wird. Das ersetzt der Familie den Kirchenbesuch, denn eine orthodoxe Kirche gibt es in Halberstadt nicht.

Zum Festschmaus gibt es verschiedene Sorten Fleisch, vor allem hausgemachte Wurst und Schinken vom selbst geschlachteten Schwein. Dazu ist der Genuss von Alkohol erlaubt. "In der Ukraine ziehen die Kinder und Jugendlichen von Haus zu Haus und singen Weihnachtslieder. Dafür bekommen sie Geld und Süßigkeiten", erzählt Elena Wynokur.

Seitdem die Familie in Halberstadt wohnt, haben sie ihre Traditionen der deutschen Weihnacht angepasst. "Am 24. Dezember feiern wir auch ein bisschen Weihnachten in der Familie und schenken uns Kleinigkeiten." Die Fastenzeit befolgt die dreiköpfige Familie nicht mehr. Das würden nur die streng religiösen Ukrainer tun, erklärt Elena Wynokur.

Zu Silvester, am 31. Dezember, folgt dann die große Bescherung. "Dann legen wir die Geschenke unter den Weihnachtsbaum und jeder darf am 1. Januar seine Geschenke suchen und auspacken."

Der 13. Januar ist in doppelter Hinsicht ein besonderer Tag. Dann wird nicht nur das alte Jahr verabschiedet, sondern auch der Geburtstag von Tochter Iryna gefeiert. Es gibt noch einmal Geschenke, dieses Mal aber nur für die Tochter. Der Abend wird begleitet vom russischen Fernsehen. "Zum Jahreswechsel laufen immer große Unterhaltungsshows mit prominenten Gästen und viele Gesangssendungen mit russischen Volksliedern. Der Fernseher läuft dann den ganzen Abend im Hintergrund mit." Bis Mitternacht bleibt die Familie auf, um mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anzustoßen.

Traditionelles Weihnachten mit der großen Familie haben die Wynokurs seit ihrem Umzug nach Deutschland nicht mehr erlebt. Manchmal besuchen sie ihre Verwandten in der Ukraine, aber die Festtage verbringen sie vorzugsweise in Halberstadt.