Obdachlose gehören in Deutschland mittlerweile zum traurigen Alltag. Eike Grübnau hat ihre Lebenssituation in einer preisgekrönten Bilderserie dokumentiert. Für sein neues Fotoprojekt sucht er Protagonisten aus dem Harzkreis.

Halberstadt l Nur wenige Menschen kommen auf die Idee, sich zu Obdachlosen auf die Straße zu setzen und sie zu fragen, wie sie dort gelandet sind. Eike Grübnau hat genau das getan.

Der 34-jährige Künstler aus Halberstadt ist ein Jahr lang durch Deutschlands Großstädte gereist, um für sein Projekt Randgruppen der Gesellschaft aufzusuchen. Auch durch Sachsen-Anhalt ist er gezogen, hat sich in Magdeburg, Halberstadt und Stendal umgesehen. Das Ergebnis ist eine Fotoserie mit über 400 Bildern, die Menschen auf der Straße zeigen. Sie sind innerlich und äußerlich von ihren Schicksalen gezeichnet. Grübnau lenkte dabei den Fokus auf die Schwerpunkte Altersarmut, Straßenmusik, Obdachlosigkeit und Jugendalkoholismus.

Die Serie trägt den Titel "Deutschland, deine Kinder - ein Blick in die Herzen unserer Städte". Eike Grübnau will dem Bildbetrachter vor Augen führen, welche Probleme in der Gesellschaft dominieren und was sie aus den einzelnen Menschen machen. "In Deutschland muss niemand in Armut leben und trotzdem gibt es Menschen, die lieber auf der Straße leben, als vom Staat abhängig zu sein", erklärt der 34-Jährige. Dass er damit den Finger in die Wunde gelegt hat, merkt er immer wieder an den Reaktionen in seinen Ausstellungen. Wenn er zur Eröffnung die Geschichten zu den Fotos erzählt und spätestens nach dem zweiten Bild das Publikum verstummt ist, dann hat er seinen "sozialen Auftrag" erfüllt, wie er sagt. Er hat die Menschen zum Nachdenken gebracht. Das ist für den Fotografen persönlich die größte Anerkennung. "Ich sehe mich als die Stimme der abgebildeten Menschen. Sie haben mir vertraut, ihre Geschichte zu erzählen. Ich würde mich schlecht fühlen, diesen Auftrag nicht zu erfüllen."

Für sein soziales Engagement ist Eike Grübnau kürzlich mit dem Preis von Solferino für Frieden und Menschlichkeit geehrt worden. Vergeben wird dieser Preis vom Deutschen Förderverein für Sanitätswesen Köthen unter der Schirmherrschaft vom Schweizer Honorarkonsul Peter S. Kaul.

Die Auszeichnung kam für ihn überraschend, erfüllt den Fotografen mit Stolz. Einzelne Bilder aus der Serie stellt er auf Anfrage gern für Ausstellungen zur Verfügung. Da der Fotograf nicht kommerziell arbeitet, verlangt er dafür lediglich den Aufwand für die Materialkosten. Im Februar wird auch eine Auswahl seiner Fotos in der Magdeburger Stadtbibliothek zu sehen sein.

Der gebürtige Wilhelmshavener studierte Betriebswirtschaftslehre in Mannheim. Seine Leidenschaft - die Fotografie - ließ er dabei nie aus den Augen. Wenige Jahre später machte er sein Hobby zum Beruf. Im Auftrag des Bundespresseamtes dokumentierte er beispielsweise den Papstbesuch in Erfurt, hielt vor allem fest, was um das Spektakel herum passierte. Vor zwei Jahren zog Grübnau nach Halberstadt, studierte vier Semester lang Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Harz in Wernigerode. Seit kurzem hat er sich ein Fotostudio in Leipzig eingerichtet, das er sich mit einer Kollegin teilt.

Für sein neues Projekt "50 plus", das von der Bundesregierung finanziell gefördert wird, will sich Eike Grübnau einem ganz anderen Thema widmen. Er möchte Menschen über 50 Jahre aus Halberstadt und den umliegenden Dörfern an ihrem Arbeitsplatz fotografieren. "Ich suche Einheimische, die ein altes Gewerbe fortführen, welches vom Aussterben bedroht ist", beschreibt Grübnau seinen Plan. Er denkt da zum Beispiel an Glasbläser, Schnitzer und Küfner. Berufe, die heute nur noch selten zu finden sind.

Einen ganzen Tag lang will er die Protagonisten begleiten, vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen. Es soll eine Fotoreportage entstehen, welche das Drumherum um diese Menschen dokumentiert und gleichzeitig ihre Lebenserfahrungen festhält. Diese Idee kam ihm während eines Projektes zum Thema Altersarmut, für das er im Harzkreis unterwegs war. Dort sei ihm aufgefallen, wie die Menschen in ländlichen Gebieten immer mehr vereinsamen.

Interessenten können sich per E-Mail bei Eike Grübnau melden. Auch für Hinweise ist der Fotograf dankbar.

Projekte von Eike Grübnau sowie Kontaktmöglichkeiten sind auf seiner Internetseite unter www.neunzehn77.info zu finden.

Bilder