Wie geht es mit dem Nordharzer Städtebundtheater weiter? Dazu treffen sich heute die Fraktionschefs im Kreistag mit der Intendanz. Thema wird dabei auch der Entwurf eines kooperativen Orchestermodells sein.

Halberstadt/Wernigerode l Das Papier trägt den Titel "Entwurf eines kooperativen Orchestermodells für das Nordharzer Städtebundtheater Halberstadt (NHS) unter der Prämisse notwendiger Einsparungen bei Berücksichtigung der Orchestersituation im Landkreis Harz". Kurz nach der Januarsitzung des Kreisausschusses hatte es Landrat Michael Ermrich (CDU) den Fraktionschefs zur Verfügung gestellt. Heute werden sie darüber mit NHS-Intendant Johannes Rieger beraten.

Das sechsseitige Schriftstück stammt aus der Feder von Dr. Claus Strulick, bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden um die Jahreswende 2010/2011 Vize-Chef der Deutschen Orchestervereinigung (DOV).

"Der Auftrag stellt richtigerweise die Orchestersituation im Landkreis Harz in den Mittelpunkt", schreibt Strulick in seiner Vorbemerkung. Alle Möglichkeiten von Einsparungen würden nur von Überlegungen dazu abhängen.

Das Ensemble des NHS und das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode (PKOW) "ergeben zurzeit selbst in Summe nur ein kleines Orchester". Das NHS habe 40 Musiker, das PKOW 23. Beide würden im Harzkreis flächendeckend und darüber hinaus ein breites Kulturangebot "mit sparsamsten Mitteln" absichern.

"Die Einnahmen würden nicht nur erheblich, sondern drastisch sinken."

Der Autor geht sodann auf die bisher diskutierten Sparvorschläge ein. So wäre ein Aus des Halberstädter Orchesters für die Stadt das Ende einer langen Tradition. Claus Strulick: "Die Einnahmen würden nicht nur erheblich, sondern drastisch sinken." Und: "Mit einer stark negativen Reaktion der Öffentlichkeit wäre zu rechnen." Zudem müssten dabei enorme finanzielle Folgen einkalkuliert werden. Denn wegen des gültigen Haustarifvertrages sei vor dem 1. August 2014 weder eine Auflösung des Ensembles, noch die Kündigung einzelner Musiker möglich. Danach kämen bis 2026 tariflich fixierte Abfindungen in Höhe von insgesamt 6,9 Millionen Euro hinzu. Zudem wären weitere vom Orchester abhängige Mitarbeiter des Theaters betroffen sowie all jene, die nach 15-jähriger Tätigkeit im Haus unkündbar seien.

Auch einer "Verstärkung" des PKOW zur Bespielung des Halberstädter Musiktheaters beziehungsweise einer Fusion erteilt Strulick eine Absage. Beides ergebe für Wernigerode "keinen Sinn". Die Stadt hätte Verantwortung für ein Orchester mitzutragen, "für das sie nur zum Teil zuständig wäre". Dabei gebe es dort kaum ausreichende Auftritts- und Probenmöglichkeiten, denn die Musiker würden zu einem großen Teil in Halberstadt agieren - "zu Lasten der bisherigen Aufgaben des PKOW in der Region".

Diesen "realistischerweise praktisch kaum sinnvoll umsetzbaren Vorschlägen" stellt der Gutachter ein "kooperatives Orchestermodell" gegenüber. Danach sollen das NHS, dessen Zweckverband, die privatrechtliche PKOW-GmbH sowie die Städte Halberstadt, Quedlinburg und Wernigerode eine feste Vereinbarung abschließen. Deren wesentlicher Inhalt:

- Das NHS-Orchester wird von 40 auf 28 Stellen verkleinert.

- Das PKOW bleibt in seiner jetzigen Stärke erhalten.

Durch solch eine Konstellation könnten unter anderem folgende Vorteile erlangt und Probleme umgangen werden:

- Beide Einrichtungen bleiben mit ihren Orchestern selbständig.

- Trotz einer deutlich Verringerung der Planstellen kann das NHS durch ein partielles Zusammenwirken beider Orchester größere Besetzungen in Musiktheater und Konzert - wenn auch in reduzierter Form - anbieten.

- Umgekehrt eröffnet dieses Kooperationsmodell die Möglichkeit, auch in Wernigerode gemeinsam aufgeführter Werke und Stücke.

- Sowohl der das NHS tragende Zweckverband wie die PKOW-GmbH bleiben jeweils ihrer bisherigen Verantwortung für ihre Einrichtungen.

- Dieses Modell, das ohne großen organisatorischen und rechtlichen Aufwand realisierbar ist, bringt für den Orchesterbereich mittel- und langfristig eine erhebliche Einsparung von zirka 620 000 Euro.

- Die Kooperation bietet eine Möglichkeit, trotz Reduzierungen auf beiden Seiten einem schwer wiegenden kulturellen Verlust in der Region sinnvoll zu begegnen.

- Ein solches Modell entspricht nicht zuletzt auch den Vorstellungen und Forderungen des Landes Sachsen-Anhalt.

- Es ist unabhängig von der Diskussion um die zukünftige Trägerschaft für das NHS und kann sofort vereinbart und vorbereitet werden.

- Der durch das Orchester des NHS und den Zweckverband zu bewältigende Personalabbau entspricht weitgehend dem, den eine zwar diskutierte, aber nicht realisierbare Fusion mit sich bringen würde.

- Die abgestimmten Besetzungen erlauben ein höchst effektives Arbeiten der beiden Ensembles.

- Einsparmöglichkeiten im NHS (außerhalb des Orchesters) sind erst dann sinnvoll zu prüfen, wenn die Frage des Orchesters beantwortet werden kann, da Größe, Existenz, zukünftige Möglichkeiten erheblichen Einfluss auf andere Bereiche des NHS haben.

Claus Strulick sieht bei allen Bemühungen für eine schnelle Umsetzung die Bereitstellung eines Abfindungsetats als ein Kernproblem an. Konkrete Zahlen ließen sich nicht nennen, da es dazu noch keine Gespräche gibt.

Zumindest in Richtung Kooperation seien diese aber "auf einem guten Weg", betonen Christian Fitzner (Wernigerode) und Johannes Rieger (Halberstadt) auf Volksstimme-Nachfrage. Die beiden Orchesterchefs bewerten das Strulick-Papier als "absolut seriös" und "den richtigen Ansatz". Rieger: "Ganz wichtig ist, dass die Probleme, die in diesem Prozess auftauchen, vernünftig geklärt werden." Fitzner: "Die Umsetzung wird im Detail kompliziert sein." Jetzt sei hier ausdrücklich die Politik gefragt.

Das heutige Treffen der Fraktionschefs könnte dafür zumindestens ansatzweise Antworten liefern.

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