Die Martinikirche verabschiedet sich von ihrer Orgel. Das von Ernst Röver gebaute Instrument erhält die Gemeinde in Calbe/Saale. In Halberstadt soll die Originalorgel von David Beck entsprechend nachgebaut werden. Initiiert wurde das Projekt von einem Förderverein.

Halberstadt l Ein Stück deutscher Geschichte schlummert in der Halberstädter Martinikirche. Auf der Empore der gotischen Kirche befindet sich das barocktypisch verzierte Prospekt der historischen Beck-Orgel. "Das Instrument war im 16. Jahrhundert das berühmteste seiner Art im europäischen Raum", berichtet Ulrich Schäffner. Was heute hinter der Hülle der Orgel liegt, entstammt allerdings nicht der Arbeit des berühmten deutschen Orgelbauers David Beck. Das Innenleben des Instruments ist das Werk von Ernst Röver.

Nun soll das Innere wieder dem Äußeren angepasst werden. "Rövers Orgel wird ausgebaut und geht nach Calbe, anschließend werden Experten das Inneleben der Orgel begutachten. Sie können anhand von Kleinigkeiten Rückschlüsse auf das Original von Beck ziehen. Ist ihre Arbeit abgeschlossen, werden wir dessen Orgel rekonstruieren", fasst Ulrich Schäffner zusammen. Der ehemalige Superintendent Halberstadts ist Vorsitzender des Fördervereins "Organum Gruningse Redivivum", das den Wiederaufbau der Gröninger Orgel in Angriff nimmt. Den Anstoß für das Projekt hat ein Franzose geliefert. "Der Organist Jean-Charles Ablitzer kam vor einigen Jahren nach Deutschland und machte uns darauf aufmerksam, was für ein Schatz in Halberstadt schlummert", erzählt Schäffner. Bei dem Vorhaben "sprechen wir von Investitionen in Millionenhöhe".

Um zu erklären, warum sich der Förderverein mit einem finanziell und zeitlich so aufwendigen Projekt beschäftigt, greift er auf die Geschichte der Orgel zurück.

Es sei der Halberstädter Bischof Heinrich Julius gewesen, der den Bau der Orgel für seine Schlosskapelle in Gröningen veranlasst hatte. "Das Ungewöhnliche war, dass die Orgel ausschließlich Metallpfeifen besitzen und das Prospekt, also die Hülle, möglichst prunkvoll aussehen sollte", sagt der Kirchenmann. 1596 beendet Beck seine Arbeit an dem Instrument, das während eines mehrtägigen Festes in Gröningen eingeweiht wird.

Nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wird das Bistum Halberstadt aufgelöst. Mehr als hundert Jahre später richten Bürger der Domstadt die Bitte an den preußischen König Friedrich II., die Orgel nach Halberstadt zu holen. "Zwischen dem Antrag und der Antwort vergingen gerade einmal acht Tage. Da wartet man heute manches Mal länger", bemerkt Schäffner schmunzelnd. 1770 wird die Orgel in die Martinikirche gebracht. Mit dem Ende der Renaissance wollte man im Barock eine kräftigere Orgel haben, eine "mit Power" wie Schäffner sagt. Daraufhin wurde die Beck-Orgel entfernt und Rövers eingebaut. "Das Prospekt allerdings hat man gelassen."

"Wenn wir es schaffen, die Beck-Orgel nach dem Original wieder entstehen zu lassen, wäre das einmalig in der Welt, haben uns Fachleute gesagt", berichtet Schäffner weiter. Halberstadt hätte dann aus jeder Epoche der großen Orgelbauer ein Instrument: in der Martinikirche aus der Renaissance-Zeit, in der Moritzkirche aus dem Barock und im Dom aus der Zeit der Romantik.

"Einige werden sich fragen, wozu das gut ist. Aber es geht darum, etwas hervorzuzaubern, was schon längst vergangen ist", begründet Schäffner das Engagement der Vereinsmitglieder, die aus Deutschland, Frankreich, Dänemark und Holland kommen.