Bei einer Debatte mit der Bundestagsabgeordeneten Waltraut Wolff (SPD) sollte geklärt werden, ob Armut krank macht. In der Diskussion wurden viele Aspekte angerissen, aber eine eindeutige Antwort konnte nicht gefunden werden.

Haldensleben l Die SPD-Bundestagsabgeordnete Waltraut Wolff und das Landesbüro Sachsen-Anhalt der Friedrich-Ebert-Stiftung hatten zur Debatte "Macht Armut krank" in die Haldensleber Jugendherberge geladen. Zur Eröffnung der Diskussionsrunde präsentierte Wolff Zahlen, die einen Überblick über die Armut in Deutschland geben sollten. Demnach würde ein Fünftel aller Kinder in Armut leben oder von Armut gefährdet sein. Ihren Eröffnungsbeitrag schloss sie mit dem Zitat einer Schülerin. Die 9-jährige Natalie beschrieb Armut als einen Zustand, bei dem sie nicht gleichberechtigt am täglichen Leben teilnehmen könnte. "Armut ist, wenn man keinen Fotoapparat hat, um Erinnerungen festzuhalten", meinte die Schülerin. Wolff beendete ihre Ausführungen mit den Kernforderungen des SPD-Wahlprogramms. "Das Wir gewinnt", erklärte sie und forderte eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes auf 49 Prozent. Mit den Mehreinnahmen aus den Steuern sollten soziale Maßnahmen finanziert werden, schlug sie vor.

Das Zitat der Schülerin Natalie war eine Vorlage für den Landesvorsitzenden des Paritätischen, Peter-Ulrich Wendt. Der erklärte, Armut sei Teil eines viel größeren Problems: Ausgrenzung, meinte er. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik der vergangenen 30 Jahre habe eine Mentalität der Risikogesellschaft geprägt, in der jeder für sich allein verantwortlich sei. ¿Verlierer\' des Wettbewerbs, wie er es bezeichnete, würden für ihr Scheitern allein verantwortlich gemacht und von weiterer Teilhabe ausgeschlossen, so Wendt. Grundsätzlich stimmte er in der Debatte mit Waltraut Wolff überein.

Anders als Anke Kasner. Sie hielt den Faktor materielle Ausstattung der Familien für überbewertet. Die Fachärztin der Kinder- und Jugendpsychologie am Ameos Klinikum betreut seit langem Eltern-Kleinkind-Therapien. "Nicht allein Armut oder Besitz, auch Kontaktlosigkeit und die grundsätzliche Einstellung der Eltern zu ihren Kindern ist eine Gefahr für die Gesundheit von Kindern", erklärte sie. Wenn Kleinkinder von ihren Eltern nicht stimuliert werden, diese ihre Kinder abschieben oder ruhigstellen, gefährde das die Gesundheit und Entwicklung der Kinder mehr als der individuelle Wohlstand. Das Phänomen, dass Eltern nicht mit ihren Kindern umgehen, komme auch bei wohlhabenden Familien vor, und die Wechselwirkungen von Krankheit und Gesundheit würden außerdem von mehr Faktoren abhängen, als nur vom Besitz. "Tun ist mehr wert als haben", fasste Kasner ihren Standpunkt zusammen.

Der Fokus der Debatte lag jedoch weiterhin auf dem Besitz und Wohlstand innerhalb der Familien. Zwar würde auch Wohlstandsverwahrlosung Kinder krank machen, räumte Peter-Ulrich Wendt ein, doch dies könnte auch durch eine faire Wohlstandsumverteilung korrigiert werden, war er sich sicher.

Die anschließende Debatte mit dem Publikum zeigte, dass die Anwesenden von dem Thema sehr bewegt waren. "Ich bin mir nicht sicher, ob ein Mehrangebot hilft", sagte eine Besucherin der Debatte, die selbst in der Psychiatrie am Haldensleber Ameos Klinikum arbeitet. "Alle Hilfe ist sinnlos, wenn der Wille des Einzelnen nicht vorhanden ist", meinte sie. Ein Überangebot an Hilfe könne den nicht ersetzen, führte die Frau aus. Dass der Wille der Betreffenden nicht zu ersetzen sei, erklärte auch Waltraut Wolff. Doch müssten Angebote trotzdem besser gestaltet werden, um Kinder vor Krankheiten durch Armut oder Verwahrlosung zu schützen. Dem stimmte auch Wendt zu, der die zu starke Fixierung auf den Willen des einzelnen für ein Problem der von ihm so bezeichneten Risikogesellschaft hielt.

In der Publikumsdebatte berichteten einige Teilnehmer von ihren Erlebnissen als Betreuer von Hartz-IV-Empfängern oder aus dem Alltag. Eine einfache Antwort, ob Armut nun krank macht, konnte bei der Debatte nicht gefunden werden nur eines wurde letztendlich klar: Allein macht sie nicht krank, aber Armut begünstigt Krankheit sehr stark.