Die Fotoausstellung "We will forget soon" hat am Mittwoch ihre Premiere in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn erlebt. Die italienischen Fotografen Stefano Corso und Dario-Jacopo Laganà hatten dafür "vernachlässigten Erinnerungen an die Rote Armee in der DDR" nachgespürt.

Marienborn l Für den erkrankten Gedenkstättenleiter Sascha Möbius übernahm dessen Stellvertreter, Matthias Ohms, die Einführung zur neuen Sonderausstellung, die hier nur bis 16. Juni zu sehen sein wird. Den geschichtsinteressierten Gästen erklärte Ohms, dass die beiden Fotografen für ihr Werk mehr als 300 Orte bereist und dabei über 8000 Kilometer zurückgelegt haben. "Das ist deutsche und internationale Geschichte direkt vor unserer Haustür. Wer mit offenen Augen durch die Lande geht oder fährt, wird noch viele Orte entdecken, an denen die sowjetischen Streitkräfte stationiert waren und ihre Spuren hinterlassen haben", so Ohms.

Auch in Marienborn gebe es solche Orte: "Nur 50 Meter von hier befand sich die sowjetische Alliiertenkontrolle. Davon ist leider nichts mehr erhalten. Und nicht weit von hier - in der Ortslage Marienborn - befand sich die Kommandantur, dort steht jetzt ein Autohaus", war von Ohms zu erfahren. Damit hatte er auch gleich den Bogen zur Ausstellung geschlagen, denn eines der darin aufgegriffenen Themen ist die neue Nutzung alter Gebäude, Flächen und Anlagen.

Dario-Jacopo Laganà, ein italienischer Fotograf, der 2011 seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlagerte, erläuterte, wie die Bilder entstanden. Er und sein in Berlin und Rom lebender Kollege Stefano Corso haben das Projekt "We will forget soon" in zweijähriger Arbeit umgesetzt.

Sich ergänzende Stilrichtungen

Die beiden Künstler kommen ursprünglich aus völlig verschiedenen fotografischen Richtungen. Während sich Corso mit Street Photography und Reportagen beschäftigt, liegt Laganàs künstlerischer Schwerpunkt in der Studio- sowie der Innen- und Architekturfotografie. Offensichtlich haben sich die beiden dadurch hervorragend ergänzt, denn herausgekommen sind ganz einzigartige fotografische Dokumente gegen das Vergessen.

Die Sowjetarmee war von 1945 bis 1994 in der ehemaligen DDR stationiert, und fast genau 20 Jahre nach ihrem Abzug begannen die Fotografen mit ihrer Bestandsaufnahme. Mehr als 10000 Aufnahmen sind entstanden. "Viel zu viel für eine Ausstellung", so Laganà, "deshab wird hier eine gezielte Auswahl von 30 Bildern gezeigt." Darüber hinaus sei die Veröffentlichung eines Bildbandes geplant. "In dem Buch wird dann natürlich mehr Platz für die Fotografien sein."

Einige Objekte, die von der Sowjetarmee genutzt wurden, befinden sich in Wäldern. Dort sei eine Nutzung kaum oder gar nicht mehr möglich, haben Laganà und Corso beobachtet: "Langsam holt sich die Natur das Gelände zurück. In einigen Jahren wird alles verschwunden sein." Diese "Momentaufnahmen" haben die Fotografen ebenso festgehalten wie die neue Nutzung des Alten. So zeigen die Bilder auch sanierte Kasernen in Wunstorf, die jetzt moderne Wohnungen sind oder eine ehemalige Kommandantur, die nun ein chinesisches Restaurant beherbergt.

Besonders beeindruckt zeigten sich die Ausstellungsgäste von den so genannten Zwillingen, nahezu identisch errichtete Gebäude, von denen eins saniert und eins dem Verfall preisgegen ist. Von fast morbider Schönheit zeigt sich außerdem die schwindende Propaganda: große Statuen und monumentale Bilder, die langsam verwittern oder achtlos in Gärten liegen.

Vom Angebot, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen, wurde während der Erstbesichtigung rege Gebrauch gemacht. Natürlich brannte den Besuchern die Frage unter den Nägeln, ob denn auch Orte aus Sachsen-Anhalt und der Umgebung von Marienborn in die Ausstellung eingeflossen sind. Von Laganà war dazu erfahren, dass sich die Sowjetarmee ab 1991 zunächst weiter gen Osten nach Berlin und Brandenburg zurückzog; dort hätten die Künstler dann auch mit ihrer Dokumentation begonnen.