Bornheim l Es ist der 14. Juli 2013 als sich die Wege zweier Männer kreuzen. Der eine hat es sich vor dem Computer in seinem Bornheimer Häuschen im Rheinland bequem gemacht, der andere klopft Steine in Frankreich, um die Zerstörungen des Ersten Weltkriegs zu beseitigen. Als Sven Janke die autobiografischen Aufzeichnungen von Otto Mehnert im Internet entdeckt, liegt knapp ein Jahrhundert zwischen den Männern.

Sven Janke, 44 Jahre, Familienvater verbringt seine Feierabende regelmäßig damit, im Internet nach Kriegsaufzeichnungen zu suchen. So auch vor zwei Jahren. In dem Internetauktionshaus Ebay stieß er auf das Manuskript eines gewissen Otto Mehnerts. Laut der Beschreibung handelte es sich um ein "Kriegstagebuch" mit Erinnerungen aus den Jahren 1916 bis 1920. Sven Janke, der schon immer einen Hang zur Militärgeschichte hatte, zögerte nicht lange und klickte auf "Bieten". Als Knirps wäre der blonde Mittvierziger am liebsten Historiker geworden. Doch die Chancen, so mehr als nur ein paar Brötchen zu verdienen, hielt er dann doch für zu gering. Also wurde er Ingenieur und die Historie ein Hobby.

Tatsächlich bekam Janke den Zuschlag und das Manuskript landete einige Tage später in seinem Postkasten. "Ich hatte es mir nur bestellt, um es erstmal beiseite zu legen", so Sven Janke. Er erhoffte sich, als Pensionär genügend Zeit für die Lektüre zu haben. Ihm war bewusst, dass die käuflichen Memoiren von Kriegsteilnehmern im Internet nicht unendlich vorhanden sein würden. Vor allem Haushaltsauflösungen brächten laut Janke immer interessantes Schriftgut hervor. Daher hortete er schon einige Kriegserinnerungen erloschener Seelen in seinem Eigenheim. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Aufzeichnungen des Soldaten nicht um ein Tagebuch, sondern um eine fix und fertige, 244 Seiten starke Autobiografie Mehnerts handelte. Eine Biografie, die seine Zeit in französischer Kriegsgefangenschaft beschreibt. Janke erhielt eine DIN A4 große Blättersammlung, die säuberlich in eine Pappmappe eingeheftet war. Die Worte, die Otto Mehnerts leidvolle Jahre beschrieben, entstammten einer Schreibmaschine gespickt mit handschriftlichen Ergänzungen. Janke geht davon aus, dass Mehnert seine Notizen in den Jahren 1938 und 1939 abtippte und vollendete. Dem Manuskript lag eine Grußkarte bei, die ein "Frohes Neues 1939" wünschte.

Ein Fluchtversuch und schuften in Gefangenschaft

Die Verkäuferin gab an, das Manuskript vor 20 Jahren auf dem Speicher ihres neu erworbenen Hauses in Wischhafen, nördlich von Stade, gefunden zu haben. Laut ihr war der Vorbesitzer ebenfalls ahnungslos, woher die Aufzeichnungen stammen mochten. Janke vermutet, dass die Memoiren an einen ehemaligen Kameraden gegangen sind, da Mehnert selbst nie in der Region gelebt hat, wie er später herausgefunden hatte.

Otto Mehnert wurde am 22. November 1897 in der Magdeburger Börde als Sohn eines Eisenbahnbeamten geboren. Nach der Schule musste er mit 18 Jahren zum Militärdienst in das Reserveinfanterieregiment 27 in Halberstadt. Nach kurzer Zeit im Fronteinsatz bei Verdun, geriet Mehnert am 24. Oktober 1916 in französische Kriegsgefangenschaft. Bis 1920 musste der Gefangene Wege befestigen, Schützengräben zuschütten und Munition sprengen. Nach 1224 Tagen in Kriegsgefangenschaft und einem gescheiterten Fluchtversuch wurde er im Frühjahr entlassen.

Eigentlich wollte Sven Janke nur mal kurz durch die Aufzeichnungen blättern. "Die Erzählungen Mehnerts haben mich aber so gepackt, dass ich sie am gleichen Abend durchgelesen habe", erinnert sich der 44-Jährige. Und dann war da dieses Gefühl. "Ich muss das jetzt machen, dachte ich mir", beschreibt Janke seine Ahnung nach dem Lesen der Erzählungen. "Das" ist im Fall von Janke die Veröffentlichung des Schriftstücks. Es folgten zwei Jahre, in denen sich Janke immer mal wieder auf Spurensuche nach Mehnert begab. Er schrieb verschiedene Meldeämter an, besorgte sich die Meldekarte von französischer Seite und reiste mit seiner Familie in das Nachbarland, um die Stationen Mehnerts nachzuempfinden. Während der Wochenendausflüge nach Frankreich hat Janke Schauplätze aus dem Manuskript fotografiert und festgestellt, dass "sich nicht viel verändert hat". Wie gut, dass die Ländergrenze nur 2,5 Stunden entfernt liegt.

Otto Mehnert war ein heimatverbundener Mann

Janke beschreibt Mehnert als einen "netten, gebildeten, patriotischen und heimatverbunden jungen Mann". An einigen Stellen im Manuskript erwähnt der Soldat seine Heimat, schwärmt gar von ihr. Janke hat den Eindruck, dass Otto Mehnert häufig verwundert gewesen sei, warum die Franzosen ihn so schlecht behandelten, er hätte sich schließlich ergeben. Auch hat der Mann von heute den Mann damals als modern empfunden, der den Krieg nicht verklärte.

Sven Janke hat das Schriftstück Otto Mehnerts dezent überarbeitet und ergänzt und im Juni dieses Jahres veröffentlicht. Den Inhalt habe er nicht verändert. "Ich kann ja schließlich nichts mehr mit dem Autor besprechen", so der Hobbyhistoriker. Seine Leistung bestand darin, Rechtschreibfehler zu korrigieren, Fotomaterial und Fußnoten mit seinen Rechercheergebnissen und historischen Hintergründen zu ergänzen sowie falsche Ortsnamen zu berichtigen. Beispielsweise übersetzte er plattdeutsche Begriffe, die ein Kamerad Mehnerts verwendete, da mit "Da hebbt wi to huus de Fisch met fodder, is man grod wat forn hohln Taen" (Da haben wir zu Hause die Fische mit gefüttert, ist bloß was für den hohlen Zahn) vermutlich nicht viele Leute etwas anfangen könnten. Außerdem verfasste Janke ein Vorwort, eine Einleitung, einen Lebenslauf von Mehnert und gab seinem ersten Buch schließlich den Titel "Grau". Es soll für die graue Masse stehen, die die Soldaten im Ersten Weltkrieg waren, ohne Raum für Individualität. Da Mehnert kinderlos geblieben sei, konnte Janke nie Nachfahren aufspüren und hat auch keine Fotos des Soldaten gefunden.

"Grau" ist im Verlagshaus Monsenstein und Vannerda erschienen und kostet 17,95 Euro. ISBN: 978-3-95645-550-6